Moderne rückwärts?

Auf Zeit online findet man heute einen interessanten Artikel des Soziologen Armin Nassehi (https://www.zeit.de/2019/44/klimakrise-bekaempfung-moderne-gesellschaft-armin-nassehi) 1.

Im Folgenden ein kurzes Zitat:

Modernität bedeutet letztlich so etwas wie das, was man im politischen Bereich Gewaltenteilung nennt. Es ist ein evolutionärer Prozess, dessen Gesamtrichtung dahin geht, dass es Instanzen, die alles zusammenführen und in einem Prinzip aufheben, nicht mehr geben kann. Alles ist auf Wechselseitigkeit angewiesen und erfährt an sich selbst, dass sich das Gesamtsystem nicht allein ökonomisch, nicht allein rechtlich, nicht allein wissenschaftlich, nicht einmal allein religiös bestimmen, führen, verändern, gestalten lässt.»

Damit begründet er, dass die Forderung, dass alles sofort geändert werden müsse, (um den Klimawandel zu verhindern) in einer modernen Gesellschaft nicht realisierbar sei.

Für mich bedeutet das, dass die Forderung nach dem „alles und zwar sofort“ nur erfüllbar ist durch die Rückabwicklung der Moderne.

Ich empfinde es als fahrlässig, wenn Wissenschaftler jungen Menschen den Eindruck vermitteln, dass dies in einer modernen Demokratie möglich ist. Wenn die jungen Menschen irgendwann (wahrscheinlich sehr bald) merken, dass dies nicht geht, was wird ihre Schlussfolgerung sein?

In einigen Befragungen, die im Fernsehen zu sehen waren, äußerten sich junge Demonstranten bereits negativ über die Demokratie.

1 Kaum hatte ich den Artikel gelesen, verschwand er hinter der Bezahlschranke.

8 Gedanken zu „Moderne rückwärts?

  1. Es war schon immer das Privileg, ja die Aufgabe der jungen Generationen, mit neuen Ideen positive Veränderungen voranzubringen. Dass sie dabei manchmal überstürzt, sogar radikal vorwärts stürmen, gehört dazu. Meine Generation hat vor 50 Jahren eine außerparlamentarische Opposition gegründet, die in unserer parlamentarischen Demokratie eigentlich nicht vorgesehen ist, und damit einigen frischen Wind durch verkrustete gesellschaftliche Strukturen und Denkmuster wehen lassen. Im Großen und Ganzen hat das unserer Gesellschaft gut getan, es hat uns einigen Fortschritt gebracht. Und als Erwachsene haben sich die meisten der damaligen Wortführer dann brav in das parlamentarische System eingegliedert, wie etwa Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit.

    Dass an der parlamentarischen Demokratie Kritik geübt wird, liegt auch daran, dass sie von ihren Akteuren oft nicht so gehandhabt wird, wie ihre Erfinder das ursprünglich konzipiert haben. Die Abgeordneten stimmen oft nicht nach ihrer freien Gewissensentscheidung ab, sondern nach Fraktionszwang- oder Koalitionsdruck. Ein ärgerliches Beispiel dafür war letzte Woche die Ablehnung der Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen. Obwohl die Mehrheit der Angeordneten dafür war, beugte sich die SPD dem Koaltionspartner. So etwas sorgt nicht für die Glaubwürdigkeit unseres Systems. Ebenso wenig wie die große Macht, die durch die profitorientierten Lobbyisten auf unsere Gesetzgebung ausgeübt wird. Da fragt man sich mittlerweile, wer eigentlich die Entscheidungsgewalt in unserem Land besitzt, das Parlament oder die Wirtschaftslobby.

    Fragwürdig macht sich das System auch, wenn seine Repräsentanten sich nicht an ihre eigenen Regeln halten, so geschehen zu später Nachtstunde, als die stellvertretende Bundestagspräsidentin Roth geneinsam mit ihren Beisitzern verfügte, das Parlament sei beschlussfähig, obwohl jeder Blinde erkennen konnte, dass weit weniger als die vorgeschriebene Hälfte der Abgeordneten anwesend war. Dass der Bundestagspräsident dann auch noch den Grundsatz bestätigte, dass die Sitzungsleitung darüber zu bestimmen habe, ob das Parlament beschlussfähig sei, auch wenn dies zahlenmäßig gar nicht zutreffe, hat mein Vertrauen in die Glaubwürdigkeit dieses hohen Hauses doch erheblich erschüttert.

    Noch ein Wort zum Klimawandel: Dass die jugendlichen Aktivist*innen es heute mit dem Kampf gegen die globale Erwärmung so eilig haben (müssen), liegt ja daran, dass unsere Generation die Zeichen der Zeit, die schon vor fast 50 Jahren vom Club of Rome erkannt und publik gemacht wurden, einfach verschlafen hat. Schon 1972 wurden die Grenzen des Wachstums und die öko-soziale Marktwirtschaft als für das Überleben der Menschheit notwendige Ziele angemahnt. Nachdem man jahrzehntelang den Kopf in den Sand gesteckt hat, ist es nicht verwunderlich, dass die Zeit jetzt knapp wird. Unsere Generation war es doch, die die langsam mahlenden Mühlen des Parlamentarismus nicht beizeiten genutzt hat.

    1. Die Forderungen der jungen Leute sind in einer modernen Demokratie nicht umsetzbar.
      Macht es dann Sinn, die Forderungen zu unterstützen, damit sich dann in der Folge die jungen Leute von der Demokratie abwenden?
      Bereits heute halten viele die Demokratie nicht für geeignet.
      Übrigens steht im Bericht des IPCC nichts davon, dass die Existenz der Menschheit gefährdet ist.

  2. Ich stimme Ihnen, lieber Herr Fleßner, darin zu, dass die Entscheidungsprozesse in einer Demokratie langwierig sind und nicht von heute auf morgen vonstatten gehen.
    Allerdings habe ich Zweifel, ob unsere „moderne“ Demokratie tatsächlich noch das leistet, wofür sie einmal gegründet wurde.
    Sie soll ja eine Staatsform sein, in der alle Bevölkerungsgruppen ihre Interessen gleichermaßen verwirklichen können. Und diesbezüglich ist unsere Demokratie doch de facto in eine erhebliche Schieflage geraten. Viel zu groß ist meiner Ansicht nach – und da stehe ich in meiner Einschätzung nicht allein da – der Einfluss finanzkräftiger Lobbyisten aus Wirtschaft und Finanzwesen auf unsere Gesetzgebung geworden, zu Lasten der Bevölkerungsgruppen, die nicht über entsprechende Finanzkraft und damit über entsprechenden Einfluss verfügen.
    Wenn zum Beispiel immer mehr externe Berater aus den entsprechenden Branchen in den Ministerien bei der Gesetzgebung mitmischen und Gesetzestexte zum Teil von diesen Interessenvertretern formuliert werden, wenn Abgeordnete und Minister ein viel zu enges Verhältnis zu diesen Lobbygruppen unterhalten und nach ihrer Amtszeit nahtlos auf einen hoch dotierten Posten in der von Ihnen protegierten Branche überwechseln, dann höhlt das unsere Demokratie aus, der kleine Mann, die kleine Frau hat mit Recht das Gefühl, ins Hintertreffen zu geraten. Und die stetig auseinanderdriftende Schere zwischen Arm und Reich oder die verbreitete Praxis, Profite zu privatisieren und Verluste zu vergesellschaften, bestätigt dieses Ungleichgewicht ja auch.
    Da brauchen wir gar keine verantwortungslosen Wissenschaftler, die die Ungeduld der jungen Generation bei der Bekämpfung des Klimawandels anheizen – die heutigen politischen Akteure tragen mindestens genauso viel dazu bei, dass das System der parlamentarischen Demokratie in Misskredit geraten ist. Wenn die Moderne in einer derart fragwürdigen Ausformung von Demokratie besteht, wäre mir eine gewisse Rückwärtsbewegung lieber, nämlich zurück zu den wahren Werten der Demokratie, die da heißen gleichmäßige Verteilung von Macht und gleiche Chancen aller Bürger an der Gesetzgebung. Wenn das gewährleistet wäre, könnte man den Kampf gegen den Klimawandel und gegen die Schädigung unserer Umwelt wahrscheinlich erheblich schneller vorantreiben, als das derzeit geschieht.

    Also, statt den jungen Aktivist*innen vorzuwerfen, sie entfernten sich von der Demokratie, sollten wir uns fragen, inwieweit sich unsere Staatsform bereits von den wahren Werten der Demokratie entfernt hat.

    1. Liebe Frau Ernst,
      sie stellen eine Alternative auf («Also, statt…»), die es meiner Meinung nach nicht gibt.
      Es geht nicht (nur) darum, dass die Jugendlichen sich von der Demokratie abwenden. Ich möchte nicht, dass einige sich dem Terrorismus zuwenden, weil sie glauben, dass die Ausrottung der Menschheit mit demokratischen Mitteln nicht zu verhindern ist.
      Wenn ich Englisch-Lehrer wäre, würde ich als nächste Lektüre den letzten Sachstandsbericht des IPCC benutzen. Wir würden damit beginnen, folgenden Absatz zu übersetzen:
      “For most economic sectors, the impact of climate change will be small relative to the impacts of other drivers (medium evidence, high agreement). Changes in population, age, income, technology, relative prices, lifestyle, regulation, governance, and many other aspects of socioeconomic development will have an impact on the supply and demand of economic goods and services that is large relative to the impact of climate change.”
      Im Fach “Werte und Normen» könnte man viele Stunden diskutieren über die folgenden Fragen:
      Was soll und darf man machen, wenn die Bevölkerung nicht mitmachen will? (In «Welt im Wandel -Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation» vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung wird diese Möglichkeit einfach gar nicht in Erwägung gezogen.)
      Ist eine Dekarbonisierung in einer demokratischen Gesellschaft überhaupt möglich? Ist eine Invasion in Polen und Zerstörung der Kohlekraftwerke bei einer Weigerung Polens sie abzuschalten, gerechtfertigt?
      Gibt es überhaupt eine moralische Grenze, die man auch bei einer Gefährdung der Existenz der Menschheit nicht überschreiten darf? Handelt es sich dann um eine Notwehr, bei der alles erlaubt ist, bis zu physischer Vernichtung derer, die sich dem entgegenstellen?
      Wenn Zweifel an der Existenzgefährdung der Menschheit bestehen, muss man trotzdem das Schlimmste annehmen?

      1. Lieber Herr Fleßner,
        bisher habe ich Sie als jemanden kennengelernt, der mit Recht vor Alarmismus und Panikmache bei der Betrachtung der ökologischen Zukunft unseres Planeten warnte. Nun wundern mich die düsteren Visionen, die Sie offenbar mit der neuen Klimabewegung verbinden.
        Wenn eine große Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit auf die Straße geht, um ihre Politiker dazu aufzufordern, die Fristen eines Klimapakts, den diese selbst ausgearbeitet und unterschrieben haben, auch einzuhalten – und mehr tun sie doch gar nicht – sehe ich noch keine Anzeichen von Abkehr von der Demokratie oder gar drohendem Terrorismus. Ganz im Gegenteil, sie nehmen ihre Politiker ernst und beim Wort.
        Die großen Weltenlenker sind es doch, die sich unglaubwürdig machen, wenn sie auf riesigen vom Steuerzahler finanzierten Konferenzen vollmundig Ziele vereinbaren, an die sich dann keiner hält.

        Die Bewegung Fridays for Future benahm sich bisher bei ihren Demonstrationen äußerst gesittet, und wenn die Schüler*innen jemandem geschadet haben, dann höchstens sich selbst, wenn sie an einem Tag der Woche darauf verzichtet haben, in der Schule etwas dazuzulernen.
        Luisa Neubauer, die Anführerin der deutschen Sektion der Bewegung, ist Mitglied der Grünen, was für mich bedeutet, dass sie durchaus auf die parlamentarische Demokratie setzt.
        Die radikaleren Leute von Extinction Rebellion haben in der Tat etwas verstiegen Sektiererisches, aber ein paar Straßenblockaden deuten für mich noch nicht auf
        drohenden Terrorismus hin.

        Ich sehe in dem Wachwerden der Jugend eher eine Chance, sowohl für den Planeten als auch für die menschliche Selbsterkenntnis.
        Wenn alle Demonstrierenden dafür sorgen, dass ihre Eltern treibstoffsparende Autos kaufen, dass die Familie weniger Flugreisen unternimmt, öfter das Fahrrad und den ÖPNV benutzt und weniger Fleisch isst, und wenn sie selbst die CO2-intensiven Streamingdienste meiden, kann das doch nicht falsch sein. Ich gehe davon aus, dass sie bei diesem Unterfangen aber auch merken werden, dass Menschen widersprüchlich und bequeme Wesen sind, denen es schwer fällt, ihre Überzeugung im Kopf auch in die Praxis umzusetzen.

        1. «Ich gehe davon aus, dass sie bei diesem Unterfangen aber auch merken werden, dass Menschen widersprüchlich und bequeme Wesen sind, denen es schwerfällt, ihre Überzeugung im Kopf auch in die Praxis umzusetzen.»
          Und was machen die Jugendlichen dann? Akzeptieren, dass sie Mehrheit nicht auf ihre Seite gebracht haben und erwarten den Weltuntergang?

          1. Bis die Jugendlichen gemerkt haben werden, dass die Veränderung einer Gesellschaft ein langwieriger Prozess ist – wenn er denn überhaupt vonstatten gehen wird – werden sie ein paar Jährchen älter und reifer geworden sein. Und es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als das zu tun, wofür Menschen eigentlich sehr begabt sind: sich mit der ihnen eigenen Erfindungsgabe den veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Die Welt wird nicht gerade untergehen, aber es könnte bei Unbewohnbarkeit zunehmender Gebiete der Erde eng und ungemütlich in den noch bewohnbaren Regionen werden. Leichter wird ein friedliches Zusammenleben sicher nicht.

          2. „bei Unbewohnbarkeit zunehmender Gebiete der Erde“
            Der Weltklimarat sieht es anders („Globally, vegetation greening has occurred over a larger area than vegetation browning (high confidence)“; IPCC August 2019).
            Der Klimawandel inklusive der Düngung mit CO2 führt zu einem Ergrünen der Erde.
            Das Problem liegt hier wohl nicht im Klimawandel, sondern in den Köpfen der xenophoben Menschen.

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