Erbärmliche Logik

Ich schaue seit Jahren keine politischen Magazine mehr im Fernsehen. Heute habe ich nicht schnell genug abgeschaltet und einen Bericht im Magazin Kontraste gesehen. Es ging um die eventuell bedrohte Meinungsfreiheit an den deutschen Universitäten. Am Beginn wurden tumultartige Szenen bei der Verhinderung der Vorlesung von Prof. Lucke an die Universität Hamburg gezeigt. Um dann zu belegen, dass die Meinungsfreiheit nicht bedroht ist, werden drei Professoren beschrieben, die ich unter Spinner einordnen würde. Soviel zur bedrohten Meinungsfreiheit heißt es im Abspann.

Was wollen uns die Journalisten damit sagen? Solange noch ein Spinner seinen Unsinn verbreiten kann, ist die Meinungsfreiheit nicht gefährdet?

Die Meinungsfreiheit aller ist nicht gefährdet, aber es wird manchmal versucht, die Meinungsfreiheit einzelner einzuschränken.

Prof. H.-W. Sinn wurde von der Universitätsgesellschaft zu einem Vortrag eingeladen. Hunderte von Studenten und Mitarbeitern der Universität haben die Universitätsleitung aufgefordert, ihn wieder auszuladen mit der Begründung, dass seine Ansichten nichts an dieser Universität zu suchen hätten.

Die Uni-Leitung hat ihn nicht ausgeladen und ein zusätzlicher Vortrag mit Diskussion fand ungestört statt.

Dr. Sabine Hossenfelder ist eine Physikerin, die die heutige Physik stark kritisiert. Nach ihrer Meinung hat die Grundlagenphysik in den letzten 50 Jahren keine Fortschritte gemacht. Insbesondere hält sie die Investition in einen neuen Teilchenbeschleuniger für rausgewordenes Geld. Sobald sie irgendwo zu einem Vortrag eingeladen wird, beginnt die Unterschriftensammlung, um sie wieder auszuladen. Kürzlich wurde ein Mitarbeiter aufgefordert, sie zu verprügeln.

Universitäten haben ein strukturelles Problem: die Kooptation (Wahl von Mitgliedern durch die übrigen Mitglieder einer Gemeinschaft). Wenn ein neuer Professor gewählt wird, dann wird er von den bereits anwesenden Professoren gewählt. Damit besteht die Gefahr, dass nur neue Professoren einen Lehrstuhl erhalten, die in etwa den gleichen Standpunkt vertreten wie die anderen Lehrstuhlinhaber. Dieses Problem gab es auch in der Sowjetunion. Wer anderer Ansicht war, schaffte es nicht weit in der Partei. Aber auch in Vorständen von Firmen gibt es dieses Problem. Es ist eben sehr menschlich, dass man lieber mit Menschen zusammenarbeitet, die in etwa der gleichen Meinung sind. Wer möchte schon dauernd in Frage gestellt werden?

Zurück zu den Journalisten. Es gibt einen bösen, diffamierenden, unfairen Satz über Journalisten:

«Ach, sie sind Journalist. Und als was sind sie gescheitert?» Sowie es unter den tausenden Professoren drei Spinner gibt, gibt es auch unter den Journalisten einige auf die der Witz zutrifft.

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