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Dramatisch, dramatischer, Klimawandel

Bis vor kurzem konnte man auf SPON Artikel zum Klimawandel vom Diplom-Geologen Axel Bojanowsky lesen. Jetzt schreibt die Artikel eine promovierte Historikerin.

Heute war es mal wieder sehr dramatisch.

Zitat:» Der Meeresspiegel steigt noch schneller, die Eismassen schmelzen dramatisch ab»

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/sonderbericht-des-weltklimarats-land-unter-a-1288496.html

Dazu das Bild eines Jungen, der bis zum Hals im Wasser steht.

Das dramatische Ansteigen des Meeresspiegels kann man z. B. hier sehen.

Im Artikel wird erwähnt, um wie viel das Eis in der Antarktis jedes Jahr abnimmt (3mal der Bodensee).

Es wird nicht erwähnt, wie viel Eis es in der Antarktis gibt.

Laut Wikipedia nimmt das Eisvolumen in der Antarktis jedes Jahr um 1 Hunderttausendstel ab. Wenn der Prozess also linear verläuft (was sicherlich nicht der Fall ist), dauert es etwa 100’000 Jahre bis die Antarktis abgeschmolzen ist.

Als Physiker frage ich mich, wie man etwas so genau messen kann. Das Eis in der Antarktis ist etwa 2000 m dick. Es schmelzen im Jahr daher etwa 2 cm ab. Laut Artikel haben sich diese 2 cm um etwa 5% erhöht. Es sind jetzt 2.1 cm, also 1 mm mehr. Damit das Messergebnis signifikant ist, muss die Messgenauigkeit noch geringer sein. Man kann also die mittlere Eisdicke in der Antarktis auf weniger als einen 1mm genau bestimmen. Hört sich formidabel an, nur mir fehlt der Glaube.

Meiner Meinung nach ist das Dramatisieren in der Klimawandelproblematik kontraproduktiv. Es verhindert jede sachliche Diskussion. Am Ende stehen sich alle mit geschlossenem Visier gegenüber und nichts passiert.

Sitzen zwei Touristen («Landratten») bei auflaufendem Wasser auf einer Bank auf dem Deich. «Schau mal wie der Meeresspiegel steigt! So dramatisch hatte ich mir das gar nicht vorgestellt!»

Steigen oder Sinken?

Die indonesische Regierung überlegt den Regierungssitz aus Jakarta weg zu verlegen, weil die Stadt zum Teil im Meer versinkt.

In Spiegel-Online muss das als Warnung vor dem Klimawandel und dem Meeresspiegelanstieg dienen.

Der Meeresspiegel steigt um 3 mm im Jahr und deshalb versinkt die Stadt im Meer?

Die NZZ hat einen genauen Bericht geliefert (https://www.nzz.ch/international/indonesien-hauptstadt-jakarta-droht-im-meer-zu-versinken-ld.1399833) .

Jakarta ist auf einem instabilen Untergrund gebaut und es gibt keine ausreichende Wasserversorgung. Deshalb wir ein Großteil des Trinkwassers aus illegalen Brunnen gefördert. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel ab und der Boden schrumpft. Der Boden sinkt im Durchschnitt 60 mm im Jahr, also 20-mal mehr als dass der Meeresspiegel steigt.

Das bringt mich zu der Frage, wie man den Meeresspiegelanstieg misst. Wie kann man unterscheiden ob sich der Meeresspiegel hebt oder ob der Pegel sinkt?

Weltweit steigt der Meeresspiegel um 3.3 mm/Jahr, aber in der Nordsee nur um 1.5 mm. Hebt sich die Nordsee immer noch an, weil die Gletscher der letzten Eiszeit geschmolzen sind?

Wie teuer wird’s eigentlich?

Im letzten Sachstandsbericht hat sich der Weltklimarat auch dazu geäussert, wie hoch die Schäden sein werden, wenn sich die globale mittlere Temperatur um 2°C erhöht. Natürlich ist es sehr schwierig so etwas vorherzusagen, wie immer bei Vorhersagen über die Zukunft. Aber man bekommt aber zu mindestens einen Eindruck von der Größenordnung. Hier der Text:

“the incomplete estimates of global annual economic losses for additional temperature increases of ~2°C are between 0.2 and 2.0% of income (±1 standard deviation around the mean) (medium evidence, medium agreement).

Mit income ist hier das Bruttoinlandsprodukt gemeint. Maximal 2% des BIP. Die Zahl kommt einem irgendwie bekannt vor. 2% des BIP sind die geforderten Militärausgeben innerhalb der NATO.

Wir hören jetzt jeden Tag, dass die Welt durch den Klimawandel untergeht. Wieder sorgt der Weltklimarat im Kapitel 10 des fünften Sachstandsberichts für Verwirrung:

“For most economic sectors, the impact of climate change will be small relative to the impacts of other drivers (medium evidence, high agreement). Changes in population, age, income, technology, relative prices, lifestyle, regulation, governance, and many other aspects of socioeconomic development will have an impact on the supply and demand of economic goods and services that is large relative to the impact of climate change.”

Greta sagt, dass wir auf die Wissenschaftler hören sollen. Wenn die aber jetzt etwas anderes sagen als Greta?

Bangemachen gilt nicht!

Die R+V-Versicherung lässt jedes Jahr die Menschen in Deutschland befragen, wovor sie Angst haben.

Die letzte Befragung zeigt, dass die Menschen zurzeit relativ wenig Angst haben. Am erstaunlichsten ist jedoch, dass Angst vor dem Klimawandel und Wetterextremen erst am Ende der Liste auftaucht.

Wenn man den Medien glaubt, ist der Klimawandel das grösste Problem der Zeit und alle anderen Probleme sind dabei zu vernachlässigen. Ca. 60% der Menschen in Deutschland haben aber keine Angst vor dem Klimawandel. Greta Thunberg hat jeden Tag Angst und möchte, dass wir panische Angst bekommen.

Der Kommentar in der Regionalpresse war heute, dass die Menschen noch nicht genug über die Gefahren des Klimawandels aufgeklärt sind. Wie ist das möglich? Man hört und liest doch überall vom Klimawandel, selbst in der Philosophievorlesung wird er erwähnt. Professoren schreiben in der Zeitung, dass die Existenz der Menschheit durch den Klimawandel gefährdet ist und 60% haben keine Angst.

Vielleicht liegt es eher daran, dass die Warner etwas übertrieben haben? In den 80er Jahren hiess es, dass es im Jahr 2000 keinen Schnee mehr in den Alpen geben würde. Nach dem warmen Sommer 2003 hiess es, dass solchen warmen Sommer jetzt häufiger kommen. In den nächsten 15 Jahren kamen sie aber nicht.

Greta Thunberg prophezeit die Apokalypse, aber die Leute können es nicht mehr hören.

Den Zeugen Jehovas glaubt auch keiner, dass die Welt bald untergeht.

Enttäuschend

Auf SPON erschien gerade ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf mit dem verheissungsvollen Titel: «Die Menschheit verliert die Kontrolle über den Zustand der Erde».

Ob die Menschheit jemals die Kontrolle über den Zustand der Erde hatte oder ob das nur eine Idee von Leuten wie Napoleon oder Hitler war, lassen wir mal beiseite.

Er beginnt damit, dass die Klimaforscher schon seit 50 Jahren warnen. In meiner alten Firma nannte man das einen «cover my ass letter». Leute, die immer gleich rufen, dass sie schon immer dagegen waren und daher keine Verantwortung tragen, sind nutzlos, weil sie nichts zur Lösung des Problems beitragen.

Es folgt kein einziger Vorschlag zur Lösung des Problems. Dass man kein CO2 mehr emittieren soll, ist ein Ziel aber kein Lösungsvorschlag.

Dann versucht er noch ein bisschen Angst zu machen mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 3 m, wenn die Antarktis abschmilzt. Damit aber keiner in 20 Jahren sagen, dass er sich geirrt hat, veranschlagt er 1000 oder auch 2000 Jahre für den Abschmelzprozess.

Wenn das Meer 1000 Jahre braucht, um 3m zu steigen, dann müssen wir die Deiche jedes Jahr um 3mm (Millimeter!) oder alle 100 Jahre um 30 cm erhöhen. Das kriegen die Friesen hin, keine Sorge. Falls nicht werde ich unser Haus (4m über dem Meeresspiegel) im Jahr 3019 verkaufen, bevor die Preise fallen.

Ich frage mich, wie wir den Meeresspiegel konstant gehalten haben, als wir noch Kontrolle über den Zustand der Erde hatten.

Herr Rahmstorf ist gerade auf einer Konferenz in Sidney. Ob er da hingesegelt ist?

…, zweitens als man denkt.

Beim Aufräumen der Festplatte habe ich eine interessante Veröffentlichung von Jochem Marotzke wiedergefunden mit dem Titel «Quantifying the irreducible uncertainty in near-term climate projections».

Es geht um ein Gedankenexperiment. Er versetzt sich in das Jahr 2035 und schaut zurück auf die Entwicklung des Klimas.  Er nimmt an, dass ab 2020 alle Staaten ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen erfüllen und ihre CO2-Emissionen reduziert haben. Kann man dann diese Reduktion z. B. in der Temperaturentwicklung durch einen abnehmenden Gradienten sehen? Seine Schlussfolgerung ist:

“Even if greenhouse-gas emissions begin to decline after year 2020, the probability is substantial that the response of iconic climate quantities to this decline will not have emerged by year 2035. According to the model used here, GMST [Global Mean Surface Temperature] will rise at a faster rate with a probability of as much as one-third.”

Mit 33%iger Wahrscheinlichkeit wird also der Temperaturgradient stärker werden und nicht abnehmen trotz der Emissionsreduktionen.

Der tiefere Grund ist, dass der Temperaturanstieg durch das CO2 überlagert wird durch andere Effekte, die sich chaotisch oder quasi-chaotisch verhalten.

Er sieht in diesem Fall ein großes Kommunikationsproblem kommen.

Der Samen für dieses Problem wird wohl bereits heute gelegt, weil in der Öffentlichkeit immer der Eindruck erweckt wird, dass es keine Unsicherheiten in den Klimaprognosen gibt.

Sind Kraftwerke rassistisch?

Herr Tönnies hat «argumentiert», dass man durch Industrialisierung d.h. Kraftwerke die Geburtenrate in Afrika senken könnte. Das trägt ihm den Vorwurf des Rassismus ein.

Nach Duden ist Rassismus die «Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungsfähigkeit anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen».

Rassisten würden also behaupten, dass die hohe Geburtenrate in Afrika biologisch («rassisch») begründet ist. Eine Industrialisierung ändert aber überhaupt nichts an den biologischen Merkmalen (so es solche überhaupt gibt). Ein Rassist würde Herrn Tönnies also entgegenhalten, dass sein Vorschlag nichts ändern würde, weil Afrikaner nun mal so seien wie sie sind. Rassisten behaupten, dass man nichts ändern könne, weil man die «rassischen» Merkmale eines Menschen nicht ändern kann.

Man könnte natürlich die Äusserungen so interpretieren, dass die Afrikaner auf Grund rassischer Merkmale nicht in der Lage seien, ihre ökonomische Situation selbst zu verbessern. Das lese ich aber in den Äusserungen nicht eindeutig.  

Donnerwetter

Ich habe etwas getan, was ich sonst selten mache: ich habe Nachrichten im Fernsehen geschaut. Danach kamen die Wetteraussichten. Um den Trend für die nächsten Tage darzustellen, wurde ein Diagramm gezeigt. Auf der X-Achse wurden die Tage dargestellt; auf der Y-Achse die Temperatur. Da ich kein passendes Bild im Internet gefunden habe, habe ich selbst eins entworfen.

So eine ähnliche Kurve haben sicher alle schon mal gesehen.

Aus der Kurve können wir entnehmen, dass am 21.6. 20°C erwartet werden und am nächsten Tag, dem 22.6. soll es 25°C werden. Am 24.6. können es sogar 37°C werden.

Nur was soll die Zeitachse bedeuten? Wann werden z. B. 22°C erreicht? Am Morgen des 22.06.?

Nimmt die Temperatur zwischen den Tagen (= nachts) nicht ab?

Eigentlich müssten nur Punkte an den einzelnen Tagen dargestellt werden. Die Verbindung der Punkte macht keinen Sinn, außer dass es etwas dramatischer aussieht.

Wieviel bringt’s?

In der letzten Zeit liest man immer häufiger, dass die Menschen fliegen, weil die Flugpreise niedriger sind als die Bahnpreise. Der Grund sei, dass Kerosin nicht der Mineralölsteuer unterliegt.

Man findet aber in der Regel keine Zahlen, wieviel die Flugtickets teurer werden, wenn man das Kerosin besteuert. Auf einer österreichischen Seite habe ich gefunden, dass ein Flug von Wien nach Mallorca sich um ca. 60 Euro verteuern würde. Hätte das eine große Steuerungswirkung? Verzichten die Leute dann auf einen Mallorca-Urlaub oder steigen sie auf Auto bzw. Bahn und Fähre um? Ich habe Zweifel.

Eine Studie der EU, die jetzt an die Öffentlichkeit gelangt ist, erwartet, dass die CO2-Emissionen des Flugverkehrs um 11% zurückgehen, wenn eine Kerosinsteuer eingeführt wird.

Der Flugverkehr der gesamten Welt produziert ca. 2.5% der weltweiten CO2-Emissionen. Wenn dies um 11% reduziert wird, bedeutet das, dass die weltweiten CO2-Emissionen um weniger als 0.3% zurückgehen.

Ich habe es gewusst.

In der Klimaforschung versucht man durch verbesserte Modelle, die Ungenauigkeit in den Vorhersagen der Temperaturerhöhung zu verringern. Gemäß dem letzten Bericht des IPPC kommt man aber nicht besonders gut voran. Bei Verdopplung des CO2-Gehaltes in der Luft soll es zwischen 1,5 und 4,5°C wärmer werden. Zwischen dem geringsten und dem höchsten Wert liegt ein Faktor 3.

Erst wenn der Fall eingetreten ist, wird man wissen welches Modell die richtige Vorhersage gemacht hat. Voraussagen sind ja bekanntlich schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

Wenn man jemand dann behauptet, dass dieses Modell bzw. die Erzeuger dieses Modells damals es schon gewusst haben, wird er wohl nur Kopfschütteln ernten. Wenn man mit seiner Voraussage richtig liegt, heißt es ja nicht, dass er das richtige Ergebnis schon gewusst hat.

Warum schreibe ich solche Banalitäten? Weil diese Banalitäten im deutschen Qualitätsjournalismus nicht überall bekannt sind.

Der Spiegel schreibt heute, dass EXXON schon 1982 wusste, wie warm es 2019 sein würde (https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/exxon-sagte-co2-gehalt-der-atmosphaere-fuer-2019-genau-voraus-a-1267915.html) . Als Beleg dient eine Kurve von EXXON, auf der der erwartete Temperaturanstieg aufgetragen ist.

Im Link heißt es richtig, dass EXXON es richtig vorhersagte. In der Überschrift des Artikels wird daraus:

«Ölriese Exxon wusste schon 1982, wie stark die Erderwärmung 2019 ausfällt»

Sollte ein «Qualitätsjournal» nicht wissen, was der Unterschied zwischen einer richtigen Vorhersage und Wissen ist.

Ich sage mal voraus, dass Bayern München deutscher Fußballmeister wird. Dann kann der Spiegel nächsten Montag mit der Schlagzeile erscheinen: «Henning Fleßner wusste schon Freitag, dass Bayern München gewinnt.»