Archiv der Kategorie: Qualitätsjournalismus

Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Ein Reporter des Spiegels hat Reportagen einfach erfunden. Ich habe keine der Reportagen gelesen. Eine handelt davon, dass eine alte Frau in den USA Hinrichtungen besucht. Man muss das nicht unbedingt wissen und wenn die Geschichte erfunden ist, ist eigentlich auch niemand gross zu Schaden gekommen.

Warum also die grosse Aufregung? Weil der Spiegel (und vermutlich auch andere Presseorgane) den Anspruch haben, immer die Wahrheit zu berichten. Sozusagen wie der Papst ex cathedra schreiben.

Das Motto des Spiegels lautet: «Sagen, was ist.»

Wer sagen will, was ist, muss wissen, was ist. Kann man wissen, was ist? Gibt es die absolute Wahrheit überhaupt und ist sie dem Menschen zugänglich? (Filmempfehlung: Rashomon von Akira Kurosawa)

Man kann einwenden, dass offensichtlich lügen, doch etwas anderes sei. Für den Leser ist es aber egal, ob er etwas Falsches liest, weil der Reporter lügt, es nicht besser weiß oder falsch informiert wurde.

Wenn ich lese, dass das Grönlandeis schmilzt und daher der Meeresspiegel um X m steigt, aber weggelassen wird, dass dies ca. 10’000 Jahre dauern wird, habe ich dann die Wahrheit gelesen?

Ein weites Feld.

Meine erste eigene Erfahrung mit der Presse hatte ich etwa 1987. Auf einer Geschäftsreise fand ich im Flugzeug eine Ausgabe der Zeitschrift «Capital», indem das Projekt, an dem ich von 1982 bis 1986 in Berlin gearbeitet hatte, beschrieben wurde. Leider enthielt der Artikel sechs sachliche, zum Teil gravierende Fehler. Ich daraufhin einen Leserbrief geschrieben, der auch zum Teil veröffentlicht wurde. Einige Zeit später erhielt ich einen Brief des Journalisten. Er schrieb, dass er zwei Professoren interviewt hatte und er diesen nicht vorwerfen wolle, dass sie ihn belogen hätten. Aber sie hätten die Dinge so dargestellt, dass er daraus Schlüsse gezogen hätte, die ihm offensichtlich erschienen. Alle von mir bemängelten Aussagen seien leider im Artikel falsch dargestellt.

Ich erwarte seitdem nicht mehr, in der Presse immer die Wahrheit zu lesen. Bereits meine Grossmutter hatte mir geraten, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht. Sie bezog sich allerdings auf die Mondlandung.

Eine nützliche Frage, die man sich immer stellen sollte, ist die Frage, ob der Schreiber das überhaupt wissen kann. Wenn die Presse schreibt, dass etwas immer häufiger passiere, dann sollte man sich fragen, ob überhaupt jemand die Daten sammelt. Eine andere Überlegung ist die Messgenauigkeit. Vor kurzem fand ich die jährliche CO2-Emissionen Deutschland auf 6 Stellen genau. So genau kann man die gar nicht messen. Wenn der Meeresstiegel um 3 mm pro Jahr steigt, wie stellt man dann fest, dass er sich beschleunigt. Dann müsste man Änderungen von unter 1 mm pro Jahr messen. Verdammt nochmal, jetzt halt doch endlich mal still, sagte der Vermesser zum Ozean.

Eiterbeule


In einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau (FR) fand ich folgenden Satz:

„Endlich ist mal wieder eine rassistische Eiterbeule der Frankfurter Polizei geplatzt.“

Mit der Eiterbeule sind hier Polizeibeamte gemeint, die rechtsextremistischer Umtriebe verdächtigt werden. Man hätte auch schreiben können, dass diese Polizisten aus dem Dienst entfernt werden sollten.

Stattdessen wird die Metapher Eiterbeule bemüht, als etwas, das entfernt werden muss, damit der Körper wieder gesund und rein ist.

Rechtsextremen geht es auch immer darum, etwas Unreines zu entfernen und wegzuhalten. Das Volk soll rein bleiben. Alles Fremde, dass eindringt, ist gefährlich und muss entfernt werden. Die deutsche Sprache soll rein bleiben, von ausländischen Worten. Die Nazis wollten das deutsche Volk von den unreinen Juden säubern. Deshalb benutzen sie das Bild der Ratten.

Wenn jemand Menschen als Eiterbeulen bezeichnet, assoziiere ich rechtsextremes Gedankengut.

Methode

«Jetzt ist herausgekommen, dass ein Spiegel-Reporter Reportagen erfunden hat. Ich will ja nicht behaupten, dass alle Reporter ihre Geschichten erfinden. Manche Geschichten kommen einem schon komisch vor, aber man darf das nicht verallgemeinern, obwohl es ist ja nicht das erste Mal ist.»

Der Absatz ist von mir und soll eine Methode demonstrieren.

Man möchte eine Behauptung aufstellen, aber man hat keine Belege. Also behauptet man einfach, dass man die Behauptung nicht aufstellt. Dazu muss sie natürlich aufgestellt werden. Dann fügt man einen Einzelfall hinzu und warnt vor der Verallgemeinerung, um dies gleich wieder abzuschwächen.

Beim Leser bleibt hängen, dass da doch etwas dran sein könnte.

Es gibt viele Aussagen, die sich dieser Methode, bedienen.

Beispiele: «Wir wollen nicht behaupten, dass die GRÜNEN ein Pädophilie-Problem haben, aber in den 80er Jahren,…»

«Ich will behaupten, dass alle Moslems Terroristen sind, aber…»

«Von daher muss man sich fragen, inwieweit dieser Fall nicht doch typisch für die Polizei ist, ohne deshalb pauschal Alle unter Generalverdacht zu stellen.“ (Aus einem Leserbrief an die FR)

Der Wald, das merkwürdige Wesen

In Artikeln zum Hambacher Forst wird immer darauf hingewiesen, dass der Wald sehr alt sei. Das scheint ein wichtiges Argument zu sein. Nur habe ich zwei verschiedene Zahlen gelesen: 1200 und 12000 Jahre.
Das bringt mich zu der Frage, wie man das Alter eines Waldes bestimmt. Mit dem Alter der Bäume hat es wohl nichts zu tun, denn es gibt dort keine Bäume, die 1200 Jahre alt sind.
Der Wald ist also ein merkwürdiges Wesen. Es gibt keinen Teil des Waldes, der so alt ist wie der Wald. Was ist der Wald eigentlich? Der Wald besteht aus Bäumen. Sind zwei Bäume schon ein Wald? Vermutlich nicht. Nehmen wir an, dass ein Wald mindestens 10 Bäume hat. Wenn ich den nördlichsten Baum fälle, dann ist es kein Wald mehr. Dieser Baum hat also etwas Besonderes, denn er macht aus 9 Bäumen einen Wald. Das gilt aber auch für die anderen 9 Bäume. Nominalisten sagen, dass es in der Realität gar keinen Wald gibt. Es gibt nur Bäume und der Mensch macht erst in seinem Gehirn daraus einen Wald. Kann aber etwas, das es in der Realität nicht gibt, ein Alter haben?
Man kann die Aussage, dass der Wald 1200 bzw. 12000 Jahre alt ist, auch so interpretieren, dass dort während dieser Zeitspanne Bäume gestanden haben. Ist das charakteristisch für den Hambacher Forst. Wälder gibt es bei uns hauptsächlich da, wo der Boden zu sandig, zu felsig oder zu steil für Landwirtschaft ist. Man kann daher annehmen, dass die meisten Wälder bereits seit der letzten Eiszeit bestehen. Der Hambacher Forst hätte in dieser Richtung kein Alleinstellungsmerkmal.

Kilometer pro Stunde pro Jahr

Eine Stecke messen wir normalerweise in Metern oder, wenn sie lang ist, in Kilometern.
Die während einer bestimmten Zeit zurückgelegte Strecke messen wir in Metern pro Sekunde oder Kilometer pro Stunde und nennen es Geschwindigkeit. Was könnte man sich unter 50 Kilometer pro Stunde pro Jahr vorstellen? Vermutlich nichts.
Energie messen wir in Joule. Die pro Zeiteinheit «erzeugte» oder «verbrauchte» Energie messen wir in Joule pro Sekunde und haben dafür die Einheit Watt erfunden. Was will uns der Spiegel sagen, wenn er diese Woche von Terrawatt pro Jahr also Terrajoule pro Sekunde pro Jahr schreibt?
Vermutlich will er uns zeigen, wie schlecht es Journalisten geht, sodass sie über Dinge schreiben müssen, von denen ihnen sogar das Basiswissen fehlt.

Ungeeignet

Ich habe in der letzten Zeit wieder etwas Wissenschaftstheorie gelesen. Hauptsächlich Ludwik Fleck und Imre Lakatos. Ich frage mich, ob die überhaupt jemand kennt in Deutschland.
Er sollte eigentlich allgemein bekannt sein, dass man physikalische Theorien nicht beweisen kann. Journalisten scheint das nicht bekannt zu sein oder sie sind der Meinung, dass man dem Publikum (Naturwissenschaftprekariat sagt J. Kachelmann) solche schwierigen Dinge besser verschweigt.
Aber zu dem eigentlichen Gedanken, der mir beim Lesen gekommen ist.
Ich glaube, dass das menschliche Gehirn fantastisch gut geeignet ist, dass der Mensch mit der wandelnden Umwelt zurecht kommt. Daher auch mein Optimismus, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Es war sicherlich in der Evolution ein Vorteil.
Vielleicht ist unser Gehirn aber garnicht geeignet, die Welt zu verstehen. Ein Gehirn, das die Welt versteht, war in der Evolution nicht von Nutzen, vielleicht sogar Ballast.

Netzzeit

In den letzen Tagen liefen die Backofenuhren 6 Minuten nach. Jetzt berichtet das Manager-Magazin und der Spiegel, dass das Problem in Kosovo und Serbien entstanden sei. Dadurch sei die durchschnittliche Frequenz von 50 Hz auf 49.95 Hz abgesunken und das hätte sich in 2 Monaten zu 6 Minuten addiert.
Rechnen wir mal schnell nach. Wenn die Frequenz 49.95 statt 50.00 ist, laufen die Uhren genau ein Tausendstel zu langsam. Um 6 Minuten zu erreichen, müssen also 6000 Minuten vergehen, bis 6 Minuten erreicht sind. Das sind etwa 4 Tage (6000 / 60 / 24), aber nicht 60 Tage.
Ich vermute mal, dass die Frequenz nur auf 49.995 Hz gefallen ist und es 40 Tage (= 6 Wochen) gedauert hat. Dann passen die Zahlen.
Gibt es bei Zeitungen eigentlich eine Qualitätskontrolle?

Fahrverbot?? Dann arbeite ich zuhause…

Im Rahmen der Debatte über Fahrverbote schrieb ein Journalist, dass man im Zeitalter des Internets ja nicht jeden Tag im Büro sein müsse. Das hört sich im ersten Moment gut an.
Was passiert heute, wenn jemand schneller arbeitet als seine Kollegen? Wenn die Kollegen das mitbekommen, könnte er ein Problem haben. In der Regel wird er einfach mehr Arbeit erledigen. Wenn er mittags bereits mit seinem Arbeitspensum fertig ist, wird der Chef ihm einfach neue Arbeit zuteilen oder er fragt Kollegen, ob er ihnen etwas abnehmen kann. Den Nachmittag im Büro sitzen ohne Arbeit ist schlimmer als Arbeiten.
Wenn die Leute aber zuhause arbeiten, wird jedem die gleiche Menge Arbeit zugeteilt. Der eine braucht bis spät in den Abend (2-Finger-Tipper), der andere (10-Finger-Tipper) ist um 14 Uhr fertig und geht mit seinen Kindern ins Schwimmbad.
Eines Tages fragt die Tochter des ersten: »Papi, warum arbeitest du immer solange? Hansis Vater ist immer schon um halb drei mit uns im Schwimmbad.»
Sind wir eine Leistungsgesellschaft, in der jeder nach seiner Leistung bezahlt wird? Sollte es überhaupt so sein?

Inversionschneelage?

Die deutschen alpinen Sportler (Abfahrt, Slalom, etc.) haben bei den olympischen Spielen diesmal keine Medaille geholt. Nach einer Meldung der Süddeutschen Zeitung ist daran auch der Klimawandel schuld.
Die erfolgreichste Sportart für die Deutschen war Biathlon.
Jetzt halten sich die Alpinen, zu mindestens beim Start, eher weiter oben auf. Die Biathleten sind eher weiter unten tätig.
Wie sollen wir das jetzt verstehen? Eine Erklärungsmöglichkeit wäre eine durch den Klimawandel verursachte Inversionsschneelage. Durch den Klimawandel gibt es oben auf den Bergen weniger Schnee, dafür aber unten im Tal mehr.