Archiv der Kategorie: Qualitätsjournalismus

Erkenntnis oder Ergebnis

Ich habe irgendwo gelesen, dass es erkenntnisorientierte und ergebnisorientierte Umfragen gibt.

Das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (auf so einen Namen muss man erstmal kommen; vielleicht gibt es Programme, die solche Namen kreieren) hat eine Umfrage zur Energiewende gemacht und sogar das erhoffte Ergebnis, dass 90% der Bundesbürger die Energiewende unterstützen, erhalten. Das Ergebnis wird natürlich von den Journalisten mit der entsprechenden richtigen Haltung gefeiert.

Gleichzeitig sagen aber auch 70% der Bevölkerung, dass die Energiewende teuer sei.

Was meinen die Leute damit, dass sie dafür sind, aber dass es teuer ist? Da bietet sich doch ein Nachfragen an, z.B. ab welchen Kosten man nicht mehr für die Energiewende ist. Die Universität Stuttgart hat das gemacht. Bei ihrer Umfrage waren 94% für die Energiewende, aber diese Zustimmung schmolz auf 6%, wenn die Energiewende mehr als 100 Euro im Jahr kostet.

Das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung hat aber nur gefragt, ob man moderate Preiserhöhungen akzeptiert. Was ist moderat? Die 2 Euro pro Monat, von denen J. Trittin mal sprach?

Aber warum soll man nachfragen, wenn man schon das erwünschte Ergebnis hat?

Vorzeitig gestorben! Aber wie lange?

In der Presse liest man fast täglich von vorzeitigen Todesfällen durch Luftverschmutzung. Woher weiß man aber, ob jemand vorzeitig gestorben ist? Vor allem würde mich interessieren, um wieviel die Menschen vorzeitig gestorben sind.

Man vergleicht die durchschnittliche Lebensdauer von Personengruppen und rechnet dann auf die Anzahl vorzeitiger Todesfälle um.

Es wird aber verschwiegen, dass die Umrechnung sehr problematisch ist. Man weiß nicht, ob sie richtig ist. Auf der Seite «unstatistik.de» wird das kritisiert.

Ein Beispiel: es gibt drei Zwillingspärchen Au, Ab, Bu, Bb, Cu und Cb. Die mit dem zweiten Buschstaben «u» leben in einer unbelasteten Gegend, die mit dem «b» in einer belasteten Gegend. Sie erreichen folgendes Lebensalter: Au 79, Ab 78, Bu 80, Bb 79, Cu 81 und Cb 80 Jahre. Die Menschen in der belasteten Gegend leben im Schnitt 1 Jahr weniger. Daraus werden 3 vorzeitige Todesfälle errechnet.

Bei einer anderen Messung ergibt sich für drei Zwillingspärchen: Au, Ab, Bu Bb werden 79 Jahre alt, Cu 81 und Cb 78 Jahre. Im Durchschnitt leben die belasteten 1 Jahr weniger und es werden ebenfalls 3 vorzeitige Todesfälle berechnet. In Wirklichkeit ist aber nur eine Person vorzeitig gestorben.

Wie man sieht ist die Berechnung durchschnittlicher Verkürzung der Lebenszeit sinnvoll, aber daraus die Anzahl vorzeitiger Todesfälle zu berechnen, doch sehr zweifelhalft.

Wende in der Wende?

Die Bundesnetzagentur vergibt die Berechtigung Wind- und Solaranlagen zu bauen und die dazugehörigen Förderzusagen mit Hilfe von Auktionen.

Die Ergebnisse der neuesten Auktion wurden gerade veröffentlicht. Die Presse interessiert sich im Allgemeinen nicht dafür, obwohl die Zahlen interessant sind.

Einer der Glaubenssätze ist heute, dass alles immer billiger wird. Gerade Solarfans sind davon häufig überzeugt. Wenn man die Auktionsergebnisse anschaut, gerät in Zweifel. Im folgenden Diagramm sind die mittleren, gewichteten Zuschlagswerte über der Zeit aufgetragen. Es scheint so, dass die Kosten sich einem Grenzwert nähern.

Bei den Windanlagen sieht es kritischer aus. Bereits zum dritten Mal sind die Auktionen unterzeichnet. Obwohl 700 MW ausgeschrieben wurden, wurden nur knapp 500 MW angeboten.

Die Anzahl der Gebote geht zurück.

Die Gebotsmenge, also die angebotenen MWs, gehen zurück.

Nur der Strompreis geht nicht zurück. Auch hier scheint man sich einem Grenzwert zu nähern.

Bei der Windausschreibung war das maximal zulässige Gebot 6,2 ct/kWh. Es hat aber auch jemand mit 5,2 ct/kWh angeboten. Da die Auktion aber um 30% unterzeichnet war, hätte dieser Bieter auch mit 6,2 ct/kWh einen Zuschlag erhalten. Viel Geld verschenkt.

Mit diesem Zubau sind natürlich die Ziele für die Erneuerbaren Energien nicht erreichbar.

Man kann viel spekulieren, warum es bei den Windanlagen Probleme gibt.

Windanlagen haben höhere Risiken als Solaranlagen. Vielleicht gibt es nicht mehr genug Risikokapital.

Anwohner haben in der Regel gegen Solaranlagen keine Einwände. Bei jedem neuen Windpark bildet sich jedoch sofort eine Bürgerinitiative, die das Projekt mit oft jahrelangen Klagen verhindern will. Das ist eine Erfahrung, die die Erbauer konventioneller Anlagen schon lange kennen.

Immer billiger?

Einige Produzenten haben angekündigt, dass sie bei den Ausschreibungen für Solaranlagen auf staatliche Förderung verzichten wollen. Von einigen Solar-Fans und Journalisten wird dies als Indiz genommen, dass der Solarstrom noch billiger geworden ist.

Das kann so sein, muss aber nicht.

Bei der letzten Ausschreibung erhielt man noch einen Zuschlag bei einem Gebot von 5.15 ct/kWh.

Die staatliche Förderung, die sogenannte Marktprämie, früher EEG-Zulage genannt, kompensiert die Differenz zwischen dem Strompreis an der Börse und dem Zuschlagswert. Ist der Preis an der Börse niedriger als 5,15 ct/kWh, dann erhält der Betreiber eine staatliche Förderung, die Marktprämie.

Ist der Preis an der Börse höher als 5,15 ct/kWh erhält der Betreiber nur den Börsenpreis.

Im letzten halben Jahr lag der Preis an der Börse etwa 5,2 ct/kWh. Die staatliche Förderung kann sich auf zwei Arten verringern. Der Zuschlagswert bei den Ausschreibungen sinkt (zuletzt stiegen sie eher an) oder der Strompreis an der Börse steigt.

Der Preis an der Börse hängt vom teuersten Stromproduzenten ab, der noch einspeisen darf. Dies führt dazu, dass bei viel Wind der Preis sinkt, weil die teuren Produzenten wie Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt werden.

Durch den Kernenergie- und Kohleausstieg werden aber die billigen Produzenten aus dem Markt genommen, so dass ausser Wind und Solar nur noch die teuren Gaskraftwerke übrigbleiben.

Man muss daher damit rechnen, dass die Börsenpreise weiter steigen werden.

Wind- und Solarkraftwerke brauchen dann keine staatliche Förderung mehr, weil der Strompreis bereits so hoch ist, dass sie ausreichend Gewinn machen.

Fehlschluss verhindert

Die NASA veröffentlicht auf ihrer Webseite die globale Temperatur (siehe Diagramm weiter unten). Gerade ist der Wert für 2018 erschienen (+0.83°C). Damit ist die Temperatur jetzt das zweite Jahr hintereinander gesunken. Wenn das noch 8 Jahre so weiter geht, ist der ganze Klimawandel weg. Ein Horrorszenario, dass natürlich nicht eintreten wird.

Eigentlich wäre die Kurve ja das ideale Argument für jeden Klimaforscher und Klimajournalisten, um zu zeigen, wie viel noch über den Klimawandel zu erforschen und zu berichten ist, z. B. wie der Knick zu erklären ist.

Aber das Sinken der Temperatur wird in keiner Meldung thematisiert (zu mindestens habe ich nichts gesehen), weil befürchtet wird, dass die Leser zu blöd sind und die falschen Schlüsse ziehen. Deshalb bewahren verantwortliche Journalisten die blöden Leser vor Fehlschlüssen. Nur die bei der NASA haben das noch nicht kapiert.  

Globale Temperaturerhöhung relative zu 1951-1980 Durchschnitt

NOx-Lebensdauer

Wenn man NOx einatmet stirbt man früher, aber wie viel früher bei wie viel NOx? In der „Zeit“ habe ich eine Angabe gefunden. Bei der jetzigen Belastung mit NOx sterben wir alle 19 Stunden vor dem eigentlich vorgesehenen (von wem, führt hier zu weit) Todeszeitpunkt.

Üblicherweise geht man davon aus, dass bei kleinen Änderungen die Zusammenhänge linear sind. Wenn wir also die NOx-Belastung etwa halbieren leben wir knapp 10 Stunden länger.

Dafür machen wir den ganzen Aufwand für Fahrverbote, Dieselnachrüstung, etc.. 10 Stunden mehr, obwohl viele von uns dann schon so dement sind, dass sie überhaupt kein Zeitgefühl mehr haben.

Ein durchschnittlicher Mensch bringt es auf 780’000 Lebensstunden, ein Raucher auf 700’000 Lebensstunden. 10 Stunden mehr oder weniger machen den Kohl nun wahrlich nicht fett.

Interessant wäre es zu wissen, wie viel Lebensstunden eigentlich NOx-Hysterie kostet.

Only an engineering problem…

Im Spiegel findet sich ein enthusiastischer Artikel zum Kohleausstieg. Er enthält den schönen Satz: «Jetzt geht es darum, ein System zu erschaffen, das eine stabile Versorgung mit Elektrizität garantiert. Das ist die Aufgabe von Ingenieuren und IT-Experten, und diese Aufgabe ist lösbar.“

Das ist ein typischer Satz von Leuten, die von Ingenieurstätigkeit nicht die geringste Ahnung haben. Er ist auch unter Managern verbreitet. Das Management macht irgendwelche Zusagen, die mit den Ingenieuren nicht abgesprochen sind und wenn die Ingenieure bezweifeln, dass man die Zusagen einhalten kann, heißt es, dass die Aufgabe lösbar ist und man endlich an die Arbeit gehe solle. Wenn der Manager böse ist, folgt noch ein „vielleicht aber nicht von Ihnen“.

Haltung annehmen

Ich bin in den letzten Tagen auf einige Artikel gestossen, die sich kritisch mit dem auseinandersetzen, was dort «Haltungsjournalismus» genannt wird. Befürworter sprechen von «wertorientiertem Journalismus».

Charakteristisch ist an solchem Journalismus, dass die alte Trennung von Bericht und Kommentar aufgehoben ist. Man erkennt man Bericht auch sofort wie der Journalist dazu steht. Man trifft dieses hauptsächlich in den großen überregionalen Zeitungen und weniger in der Regionalpresse an.

Dass es keine wertfreie Berichterstattung gibt, ist eine Binsenweisheit, die ich schon in der Schule gelernt habe. Allein durch die Auswahl der Dinge, über die man berichtet, gibt man schon ein Werturteil ab. Es stellt sich aber die Frage, ob man ein Ziel gar nicht anstreben sollte, weil es nicht erreichbar ist. Auch wenn eine objektive Berichterstattung nicht erreichbar ist, sollte man dann nicht trotzdem versuchen, sich ihr zu nähern?

Viele Journalisten sehen sich aber heute nicht als Berichterstatter, sondern als Meinungsbildner. Manche glauben sogar, dass sie die Menschheit vor dem Untergang bewahren müssen. Menschen, die sich gerne selbst eine Meinung bilden wollen, fühlen sich dadurch bevormundet.

Ich glaube jedoch, dass es sich um eine Minderheit handelt. Die Mehrheit der Leser möchten von «ihrer» Zeitung ihre Sicht der Welt bestätigt und nicht in Frage gestellt sehen. Ein schönes Beispiel gab es vor ca. einem Jahr als in der Frankfurter Rundschau ein Artikel zu einer Anti-TTIP-Demonstration erschien. Die «Haltung» der FR und der meisten ihrer Leser ist gegen das TTIP-Abkommen zu sein. Die Journalistin machte sich, Bericht und Kommentar vermischend, über die Unwissenheit der Teilnehmer lustig. Daraufhin erschienen böse Leserbriefe mit dem Tenor, dass man so etwas in «seiner FR» nicht lesen möchte.

Bei dem ganzen wird ein Aspekt nicht erwähnt. Die Welt der Presse hat sich durch das Aufkommen des Internets gewaltig geändert. Die Zeitungen verdienen heute nur noch wenig Geld durch Anzeigen. Diese sind zu Ebay und anderen abgewandert. Die Zeitungen müssen heute «kundenorientierter» sein, um wirtschaftlich zu überleben. Man schreibt zwar nicht einfach simpel, was die Leute lesen wollen, aber man schreibt für ein gewisses Milieu, dem man im günstigen Fall selbst angehört.

Was macht ein Journalist, der sich und seine Sicht der Welt ändert? Er sucht sich eine neue Zeitung?

Zum Schluss ein Lob auf unsere Regionalpresse: Bericht und Kommentar werden getrennt und die politischen Positionen der Kommentatoren reichen von links bis weit rechts.

Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Ein Reporter des Spiegels hat Reportagen einfach erfunden. Ich habe keine der Reportagen gelesen. Eine handelt davon, dass eine alte Frau in den USA Hinrichtungen besucht. Man muss das nicht unbedingt wissen und wenn die Geschichte erfunden ist, ist eigentlich auch niemand gross zu Schaden gekommen.

Warum also die grosse Aufregung? Weil der Spiegel (und vermutlich auch andere Presseorgane) den Anspruch haben, immer die Wahrheit zu berichten. Sozusagen wie der Papst ex cathedra schreiben.

Das Motto des Spiegels lautet: «Sagen, was ist.»

Wer sagen will, was ist, muss wissen, was ist. Kann man wissen, was ist? Gibt es die absolute Wahrheit überhaupt und ist sie dem Menschen zugänglich? (Filmempfehlung: Rashomon von Akira Kurosawa)

Man kann einwenden, dass offensichtlich lügen, doch etwas anderes sei. Für den Leser ist es aber egal, ob er etwas Falsches liest, weil der Reporter lügt, es nicht besser weiß oder falsch informiert wurde.

Wenn ich lese, dass das Grönlandeis schmilzt und daher der Meeresspiegel um X m steigt, aber weggelassen wird, dass dies ca. 10’000 Jahre dauern wird, habe ich dann die Wahrheit gelesen?

Ein weites Feld.

Meine erste eigene Erfahrung mit der Presse hatte ich etwa 1987. Auf einer Geschäftsreise fand ich im Flugzeug eine Ausgabe der Zeitschrift «Capital», indem das Projekt, an dem ich von 1982 bis 1986 in Berlin gearbeitet hatte, beschrieben wurde. Leider enthielt der Artikel sechs sachliche, zum Teil gravierende Fehler. Ich daraufhin einen Leserbrief geschrieben, der auch zum Teil veröffentlicht wurde. Einige Zeit später erhielt ich einen Brief des Journalisten. Er schrieb, dass er zwei Professoren interviewt hatte und er diesen nicht vorwerfen wolle, dass sie ihn belogen hätten. Aber sie hätten die Dinge so dargestellt, dass er daraus Schlüsse gezogen hätte, die ihm offensichtlich erschienen. Alle von mir bemängelten Aussagen seien leider im Artikel falsch dargestellt.

Ich erwarte seitdem nicht mehr, in der Presse immer die Wahrheit zu lesen. Bereits meine Grossmutter hatte mir geraten, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht. Sie bezog sich allerdings auf die Mondlandung.

Eine nützliche Frage, die man sich immer stellen sollte, ist die Frage, ob der Schreiber das überhaupt wissen kann. Wenn die Presse schreibt, dass etwas immer häufiger passiere, dann sollte man sich fragen, ob überhaupt jemand die Daten sammelt. Eine andere Überlegung ist die Messgenauigkeit. Vor kurzem fand ich die jährliche CO2-Emissionen Deutschland auf 6 Stellen genau. So genau kann man die gar nicht messen. Wenn der Meeresstiegel um 3 mm pro Jahr steigt, wie stellt man dann fest, dass er sich beschleunigt. Dann müsste man Änderungen von unter 1 mm pro Jahr messen. Verdammt nochmal, jetzt halt doch endlich mal still, sagte der Vermesser zum Ozean.

Eiterbeule


In einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau (FR) fand ich folgenden Satz:

„Endlich ist mal wieder eine rassistische Eiterbeule der Frankfurter Polizei geplatzt.“

Mit der Eiterbeule sind hier Polizeibeamte gemeint, die rechtsextremistischer Umtriebe verdächtigt werden. Man hätte auch schreiben können, dass diese Polizisten aus dem Dienst entfernt werden sollten.

Stattdessen wird die Metapher Eiterbeule bemüht, als etwas, das entfernt werden muss, damit der Körper wieder gesund und rein ist.

Rechtsextremen geht es auch immer darum, etwas Unreines zu entfernen und wegzuhalten. Das Volk soll rein bleiben. Alles Fremde, dass eindringt, ist gefährlich und muss entfernt werden. Die deutsche Sprache soll rein bleiben, von ausländischen Worten. Die Nazis wollten das deutsche Volk von den unreinen Juden säubern. Deshalb benutzen sie das Bild der Ratten.

Wenn jemand Menschen als Eiterbeulen bezeichnet, assoziiere ich rechtsextremes Gedankengut.