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Wie ich unsere Welt im Großen sehe

Deutschland ist ein ressourcenarmes Land. Bedeutende Erzlager gibt es nicht (mehr). Unsere Steinkohle liegt zu tief im Boden und die Braunkohle will keiner mehr. Die Gas- und Erdölquellen decken höchstens 10% des Bedarfs. Das Land ist fruchtbar und kann sich im Prinzip selbst ernähren.

Der Wohlstand des Landes beruht auf der verarbeitenden Industrie (Maschinenbau, Auto- und Chemieindustrie). Wir importieren die Rohstoffe und machen daraus Produkte, die sich weltweit verkaufen lassen. Dazu brauchen wir Energie, viel Energie. Nach dem zweiten Weltkrieg lieferte die deutsche Steinkohle die Energie. Nachdem in anderen Ländern die Steinkohle im Tagebau abgebaut wird, ist die deutsche Steinkohle nicht mehr konkurrenzfähig. Ein neuer Energieträger musste her. Kernenergie war gesellschaftspolitisch irgendwann nicht mehr durchsetzbar. Der Ölpreisschock der 70er Jahre zeigte die Problematik der instabilen Lage der ölproduzierenden Länder, aber für den Autoverkehr war die Einfuhr von Öl unvermeidlich. In den 70er Jahren war man der Meinung, dass Erdgas viel zu wertvoll ist, um es zu verbrennen. Der Neubau von Gaskraftwerken war nicht mehr gestattet. Neue Lagerstätten, vor allem in der Nordsee, brachten eine Wende. Erdgas gab es in ausreichendem Mengen und die Verbrennung war entschieden umweltfreundlicher als die Verbrennung von Kohle. Gaskraftwerke wurden wieder gebaut. Der Bedarf an Erdgas stieg und neue Lieferanten wurden gebraucht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion boten sich neue Möglichkeiten. Russland brauchte Geld, viel Geld und war bereit Erdgas, Öl, Kohle und andere Rohstoffe zu verkaufen. Außerdem bot sich dort ein neuer Markt für deutsche Produkte und Investitionen. Es wurden Pipelines gebaut und tausende deutsche Firmen investierten in Russland. Deutsche Firmen haben sogar Konzession zur Förderung von Erdgas in Russland erworben als Tausch für Gasspeicher in Deutschland.

Aber diese Entwicklung war nicht unproblematisch und wurde nicht überall gutgeheißen.

Ab 2005 gab es Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland über die Durchleitung des russischen Erdgases und über den Gaspreis. Es kam sogar zu einem kurzfristigen Unterbruch der Gaslieferungen. Als Lösung wurde die Pipeline Nordstream 1 gebaut, die durch die Ostsee direkt von Russland nach Deutschland verläuft. Wirtschaftlich gesehen war die Entwicklung ein Erfolgsmodell.

Diese wirtschaftlich sinnvolle Entwicklung war aber politisch nicht ausreichend abgesichert.

Aus historischen Gründen sehen die osteuropäischen Länder, insbesondere Polen, eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland immer kritisch. Die Ukraine verdiente 5% ihres Staatshaushaltes mit den Transitgebühren für das Erdgas. Ausserdem hat es immer eine Erpressungsmöglichkeit, solange es nicht ausreichend Pipelines durch die Ostsee gibt.

Fast allen europäischen Ländern gefällt ein sehr starkes Deutschland nicht. Man möchte daher Deutschland gerne in die EU einbinden, aber nicht als starke Führungsmacht.

Deutschland möchte die Führungsrolle auch nicht. Man lässt lieber andere vorangehen.

Den USA ist eine Verbindung aus deutschem Knowhow und Kapital und russischen Ressourcen seit jeher eine Horrorvorstellung, behauptet der amerikanische Politologe George Friedman.

Die US-amerikanische geopolitische Strategie beruht darauf, in Ländern, die den USA nicht wohl gesonnen sind, eine Änderung des Regimes zu unterstützen oder notfalls herbeizuführen. Es wird erwartet, dass danach demokratische Regierungen die Macht übernehmen. Demokratische Regierungen sind immer den USA wohlgesonnen und Demokratien führen keine Kriege, ist die Erwartung. Das Ziel ist also weltweites „Friede, Freude, Eierkuchen“. Die Maidankrise 2014 scheint diese Strategie zu bestätigen. In vielen Ländern hat sie aber nicht funktioniert.

Bisher waren die USA die einzig übriggebliebene Weltmacht, aber es ist offensichtlich, dass China ihnen diese Position streitig machen wird. Für China war das Jahrhundert von 1850 bis 1950 das große Jahrhundert der Demütigung durch den Westen (hauptsächlich den USA). Chinesen halten sich dem Rest der Welt für überlegen und beanspruchen von daher wie selbstverständlich eine Führungsrolle.

Die USA können sich nicht mit China auseinandersetzen und gleichzeitig noch ein starkes Russland mit europäischen Partnern akzeptieren. Es gab in den USA verschiedene Vorschläge für Vorgehen. Oppositionelle wurden in Russland unterstützt, die Nato wurde immer weiter nach Osten ausgedehnt. Es gab Vorschläge nach dem Kündigen der Abrüstungsverträge mit Russland einen neuen Rüstungswettlauf mit Russland zu starten.

Die EU und Deutschland gelten in den USA nicht als starke Kräfte, die US-amerikanischen Entscheidungen widersprechen könnten. Für die EU reicht es, dass man die Länder unterstützt, die als Störenfriede eine Einigkeit in der EU nicht wünschen. Das sind z.B. Polen, Ungarn und Dänemark. G. Schröder als Bundeskanzler wagte es, den USA beim Irakkrieg zu widersprechen. Aber das war die große Ausnahme.

Nach der Bukarest-Konferenz der NATO 2008 ließen die USA verkünden, dass man die Ukraine und Georgien in der NATO willkommen heiße. Angela Merkel hatte ihr Veto eingelegt, aber das wurde nicht berücksichtigt.

Russland antwortete sofort, dass man das als nicht-akzeptable Bedrohung sieht. Dies wurde aber auch ignoriert.

Im Maidan-Putsch, der die russlandfreundliche Regierung 2014 verjagte, wurde die Opposition von den USA und der EU unterstützt. In den folgenden Jahren wurde die Ukraine massiv aufgerüstet und finanziell unterstützt. Bei den Einberufungen in den folgenden Jahren erschienen 75% und mehr der Rekruten nicht. Die jungen Ukrainer zogen vermutlich lieber ins Ausland, als im Donbass Krieg zu führen. Die Ukraine verlor zwischen 2014 und 2020 ca. 10% der Bevölkerung.

Wie stark der Einfluss der USA in der Ukraine war, zeigt eine Episode die J. Biden erzählt hat. Der Generalstaatsanwalt der Ukraine hatte Ermittlungen gegen eine ukrainische Firma (im Gasgeschäft) aufgenommen, die Hunter Biden (Sohn des Vizepräsidenten Joe Biden) als Aufsichtsratsmitglied angestellt hatte. Joe Biden hat den damaligen Präsidenten der Ukraine angerufen und ihm 6 Stunden gegeben, um den Generalstaatsanwalt zu entlassen oder die versprochene Milliarde Finanzhilfe kommt nicht. Joe Biden hat stolz erzählt, dass es keine 6 Stunden gebraucht hat.

Gemäß der Staatssekretärin des Auswärtigen (Frau Nuland) hat man 5 Mrd. Dollar investiert. Für ein Land, wo das Durchschnittseinkommen bei etwa 400 Euro liegt, ist das sehr viel. Die Armee der Ukraine erhielt neueste Waffen und wurde von den USA ausgebildet. Dabei hat die Ukraine nicht die geringste strategische Bedeutung für die USA.

Russland betrachtet die Ukraine als Pufferstaat zwischen sich unter der NATO.

Viele Politiker haben dieses Verhalten als Spiel mit dem Feuer betrachtet. Helmut Schmidt hat dem Spiegel 2014 gesagt, dass einige in Brüssel wohl größenwahnsinnig geworden seien. Die EU habe dort nichts zu suchen und es könnte böse enden. G. Schröder hat ebenfalls davor gewarnt. Henry Kissinger hielt es ebenfalls für gefährlich. George Kennan hielt schon 1997 die NATO-Osterweiterung für den größten strategischen Fehler.

Letzten Endes prallten hier zwei Länder aufeinander, die ihre Interessen als noch- und ehemalige Großmächte offensiv vertreten. Die EU und Deutschland haben ihre Interessen nicht offensiv vertreten.

Die Interessen der EU und Deutschlands sind eine gedeihliche wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland und die Verhinderung eines Krieges in Europa. Eine wirksame Vertretung deutscher / europäischer Interessen hätte bedeutet, dass man die USA aus der Ukraine raushält und der Ukraine klar gemacht hätte, dass sie eine Chance als neutraler Pufferstaat und wirtschaftliche Drehscheibe zwischen Ost und West hat.

Der damalige Bundespräsident Köhler hatte in einem Interview geäußert, dass Außenpolitik auch dazu dient, unsere wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Das löste in den Medien einen Sturm der Entrüstung aus und führte letztlich zu seinem Rücktritt. In den USA ist das offizielle Politik.

Das Interesse der USA ist es alleinige Weltmacht zubleiben und das ist mit China schon ausreichend gefährdet. Weder eine starke EU noch eine Wiedererstarkung Russland ist in ihrem Interesse.

Großmächte haben heute nicht mehr das Ziel ihre Sicherheit zu erhöhen, indem sie andere Länder erobern wollen. Spätestens nach den Kolonialkriegen, dem Vietnamkrieg und Afghanistan weiß man, dass das nur in die Katastrophe führt. Wenn man Konkurrenten zum Erobern andere Länder verlockt, ist das auf jeden Fall die bessere Strategie. Wenn die Ukraine zu einem zweiten Afghanistan für Russland wird, wäre es für die USA maximaler Erfolg bei minimalem Einsatz.

Alle Länder haben Interessen, aber Großmächte vertreten sie konsequent. Zur US-amerikanischen Sicherheitsdoktrin gehört die Monroe-Doktrin. Heute bedeutet sie, dass keine fremde Macht auf dem amerikanischen Kontinent akzeptiert wird. Falls ein südamerikanisches Land eine Allianz mit China eingehen sollte und chinesische Soldaten in Südamerika installieren würde, würde dies von den USA militärisch verhindert. China vertritt ähnliches. Taiwan ist ein feindliches Regime in ihrem Vorgarten. Nordkorea profitiert davon, dass es einen Puffer zwischen China und dem US-amerikanischen Alliierten Südkorea bildet.

Russland will keine feindlichen NATO-Truppen an seiner Grenze haben. Gemäß B. Obama ist Russland aber nur eine Regionalmacht, der derartiges nicht zusteht. Es ist nicht überraschend, dass Russland, das anders sieht.

Die EU vertritt ihre Interessen nicht offensiv und wird von den USA noch nicht mal als Regionalmacht betrachtet und dann wird man zum Spielball der anderen. Mehr als ein Spielball ist die Ukraine auch nicht.

Wer nicht führen will, muss damit rechnen, dass er (vor-, an der Nase herum, unter ferner liefen) geführt wird.

Prognosen über die Zukunft mache ich nicht.

Eine wirtschaftliche Zerstörung Europas liegt zu unserem Glück weder im Interesse Russlands noch der USA noch Chinas.

Die Auswirkungen der Sanktionen werden in meinen Augen unterschätzt. Die russischen Rohstoffe lassen sich nicht so einfach, wenn überhaupt ersetzen. Die Vorschläge von „ein wenig Frieren“, über Ausbau der Erneuerbaren Energien zu Tempolimit zeigt nur die Unwissenheit der Kommentatoren. Nur die Ankündigung russisches Erdgas durch LNG zu ersetzen, führt bereits jetzt dazu, dass sich der LNG-Preis verfünffacht hat und Länder wie Argentinien und Peru das Gas nicht mehr bezahlen können. Wenn die Sanktionen länger durchgesetzt werden, ist nicht auszuschließen, dass die Sanktionen mehr Menschenleben fordern, als der Krieg. Aber vielleicht setzt die Vernunft gegen das Kriegsgeschrei noch durch.

Woher her ich meine Einsichten habe? Ich verzichte seit Jahren auf Nachrichten und politische Magazine bzw. Talkshows in den Medien. Ich lese im Internet keine Kommentare von Journalisten (Ausnahme: Thomas Fischer, aber der ist auch kein Journalist). Ich beschränke mich beim Lesen im Internet häufig auf die Überschriften. Nur Artikel zur Energiewirtschaft lese ich vollständig. Sobald mir irgendwas nicht schlüssig erscheint, recherchiere ich selbst und rechne alles nach. Alle Quellen stammen aus den USA (z.B. von der RAND Corp.) oder Westeuropa. Ich kann kein Kyrillisch lesen. Das Schöne an den US-Amerikanern ist, dass sie fast nichts geheim halten. Eine Einschätzung Russlands (Tenor: Russland ist außer an seinen direkten Grenzen nicht aggressiv), die die RAND Corporation im Juli 2020 für die US-Army erstellt hat, kann im Internet heruntergeladen werden. Dass die USA auch einseitig militärisch tätig werden, wenn ihre Interessen gefährdet sind, ist spätestens seit B. Clinton offizielle Politik (auch wenn das völkerrechtswidrig ist). Auch wo sie uns belogen haben (Tonkin-Zwischenfall, Saddams Massenvernichtungswaffen oder die Babys in den Brutkästen in Kuwait, etc.) wird nicht verheimlicht. Wenn jemand Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten veröffentlicht, dann sagt man ganz offen, das man dafür 130 Jahre Gefängnis riskiert.

Auf das meiste komme ich selbst beim Radfahren im schönen Ammerland. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien oder daran, dass alle Menschen korrupt sind. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass nicht alle Menschen, die hierarchisch über mir stehen, deshalb schlauer sind.

Meine Ansichten zur Geopolitik sind stark von Prof. John Mearsheimer beeinflusst. Vielleicht ändert sich das, weil ich im nächsten Semester eine Vorlesung über internationale Beziehungen belegt habe.

Ich denke, dass der Mensch einen freien Willen hat, aber wenn mir die Welt zu verrückt erscheint, dann tröstet mich der Gedanke, dass der freie Wille vielleicht doch nur eine Illusion und alles bereits seit dem Urknall durch die Naturgesetze festgelegt ist.

Eine Lanze für Gerd

Es ist ein seltsamer Ausdruck: für jemanden eine Lanze brechen.

Also ist breche jetzt mal eine Lanze und zwar für Gerhard Schröder.

Ich muss zugeben, dass ich nicht unbedingt ein großer Fan von G. Schröder war und unser Hund namens „Schröder“ war auch nicht nach ihm benannt.

Was mir aber gefallen hat, war seine Absage an die Teilnahme am Irakkrieg. Den US-Amerikanern einfach nein zu sagen, wenn sie militärische Unterstützung haben wollen, dazu muss man erst mal die Eier haben(, würde Oli Kahn sagen). Der Mann hat einfach Format.

In der jetzigen Situation hat man das Gefühl, dass viele Politiker jetzt genau das sagen, was die außer Rand und Band geratenen Medien verlangen. Eine Ausnahme : Oskar Lafontaine, aber der ist eigentlich immer die Ausnahme. Gerhard Schröder macht nicht den Kotau.

Ich glaube, dass es mit einem Bundeskanzler G. Schröder nicht zur jetzigen Malaise gekommen wäre. Das Problem begannt auf der NATO-Konferenz 2008 in Bukarest. In der Abschlusserklärung hieß es:

„NATO welcomes Ukraine’s and Georgia’s Euro Atlantic aspirations for membership in NATO. We agreed that these countries will become members of NATO.“

Es heißt, dass A. Merkel ihr Veto eingelegt hat, aber die USA auf dieser Formulierung bestanden haben. Die Russen haben sofort geantwortet, dass sie dies eine großer strategischer Fehler mit schwerwiegenden Konsequenzen sei.

Ich traue nur G. Schröder zu, dass er mit einem „Die Ukraine kommt nicht in die NATO und nicht in die EU! Basta!!“ die Diskussion erledigt hätte und damit sehe die Welt heute vielleicht anders aus.

Zwickmühle

R. Habeck hat verkündet, dass er für 1,5 Mrd. Euro LNG kaufen und in die deutschen Speicher füllen will. Die deutschen Speichersind aber nicht weniger gefüllt als im letzten Frühjahr und es gibt auch aktuell keinen Mangel, sagte wer? Genau R. Habeck, aber was soll’s.

Er kauft natürlich nicht selbst, sondern beauftragt eine Firma, die wie eine Netzagentur für das deutsche Gasnetz arbeitet.

Steuergelder müssen natürlich nach gewissen Regeln ausgegeben werden, sonst meckert der Bundesrechnungshof und ob das weitere Folgen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall gibt eine schlechte Presse.

Von wem kauft man jetzt das LNG? Von den USA? Wegen Fracking nicht so optimal. Deutsche sind rechtstreu: wir kaufen bei dem billigsten. Wer bietet denn LNG an? Die größten Anbieter sind USA, Qatar und …. Russland. Wenn die Russen jetzt die billigsten sind, hat R. Habeck ein Problem. Irgendein Journalist tanzt sicher aus der Reihe und schreibt dann, dass wir russisches LNG kaufen, um von russischem Pipelinegas unabhängig zu werden. Aber wir sanktionieren Russland doch. Wir kaufen teures russisches LNG, um billiges russisches Pipelinegas zu sanktionieren. Auch nicht unbedingt der Wahlkampfschlager, wenn der Bürger auf seine Gasrechnung schaut.

Act of god

Die US-Amerikaner passen bei den Sanktionen gegenüber Russland gut auf, dass es ihnen möglichst wenig kostet.

Wer zahlt dann bei uns?

Man kann so argumentieren, dass die Firmen Verluste machen und versuchen werden, die Verluste über Preiserhöhungen bei ihren Kunden wieder reinzuholen. Das klappt aber nicht immer, wenn Konkurrenten diese Verluste nicht haben.

Aber es gibt noch einen direkteren Weg.

Deutschlands Wohlstand beruht zu einem großen Teil auf den Erfolgen der deutschen Exportwirtschaft. Daher ist die deutsche Regierung darin interessiert, dass die deutschen Firmen exportieren. Nun ist es bei vielen Ländern nicht immer sicher, dass sie auch zahlen, unter anderem wegen der politischen Lage. Daher versichert der Bund die Exporte deutscher Unternehmen gegen politische Risiken. Mit der Abwicklung ist die Firma Euler Hermes beauftragt. Man spricht deswegen häufig von „Hermes-Bürgschaften“. Die Firma führt nur die Geschäfte durch. Die Bundesrepublik haftet für den Schaden. In anderen europäischen gibt es ähnliche Regelungen.

(Hermes war bei den alten Griechen der Götterbote, der Gott der Kaufleute, aber auch der Diebe. Woraus manche schließen, dass das das Selbe sei.)

Für Nordstream 2 haben die beteiligten Firmen Kredite von mindestens 3,1 Mrd. Euro aufgenommen, die von Hermes abgesichert wurden.

Die interessante Frage ist nun, ob nur die politischen Risiken im Lande des Importeurs (in diesem Fall Russland?) oder ob auch die politischen Risiken im Lande des Exporteurs abgesichert sind. Vermutlich nicht, denn per Definition gibt es in einem Rechtsstaat wie Deutschland keine politischen Risiken.

Bisher mussten ausländische Firmen ihre Exporte nach Deutschland gegen politische Risiken nicht versichern. Vielleicht ändert sich das gerade.

Sanktionen und Käse

Sanktionen, die zu einem Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen führen, treffen in der Regel die kleinen Leute. Ob ein Politiker sich durch Sanktionen getroffen fühlt, ist doch sehr zweifelhaft. Finanzielle Einbußen beeindrucken eher nicht. Sich von Sanktionen nicht erschrecken zu lassen, wird eher als Nichterpressbarkeit interpretiert.

Damit Sanktionen wirken, muss der Umweg über die kleinen Leute genommen werden. Wenn die kleinen Leute ihre Arbeit verlieren oder die Lebenshaltungskosten stark steigen, kann dies zu Unruhen führen und dies die Regierung in Schwierigkeiten bringen. Nur sind die kleinen Leute in der Regel vollkommen unschuldig an der Misere, die sie ausbaden müssen.

Sanktionen können aber auch Rohrkrepierer sein.

Vor einigen Jahren gab es bereits Sanktionen gegen Russland. Daraufhin hat Russland mit dem Importverbot von deutschem Käse reagiert. Das war schlecht für unsere Milchbauern. Einer der Gründe, der zur Milchkrise führte. Eine große deutsche Molkerei hat daraufhin ca. 20 Millionen in eine Käsefabrik in Russland investiert und produziert den Käse einfach vor Ort.

Die Russen haben jetzt Käse und die deutschen Bauern den Käse.

Eigentor von Albert? Nein! Michel!

Michel Friedman hat einen Essay geschrieben zur Debattenkultur. In der NZZ gab einen Kommentar dazu, der folgendermassen begann:

Als Michel Friedman kürzlich einer Person begegnete, die die Existenz der Schwerkraft bestritt, schlug er ein Experiment vor: Zu zweit sollten sie sich in den zehnten Stock eines Gebäudes begeben. Friedman würde dort die Treppen nach unten nehmen, das Gegenüber solle sich vom Balkon stürzen. «Wenn wir uns unten wiedersehen, wissen wir, was Tatsache ist.»

Michel Friedman sieht die Debattenkultur in Gefahr durch Menschen, die einfach offensichtliche Tatsachen leugnen wie zum Beispiel die Schwerkraft.

Herr Friedman redet hier aber über Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Gemäss der allgemeinen Relativitätstheorie (A. Einstein 1915) ist die Gravitation keine Kraft, sondern eine Illusion. Was für Herrn Friedman für eine offensichtliche Tatsache ist, ist für Physiker eine Illusion.

Es gibt ein Youtube-Video, in dem das gut erklärt wird (auf Englisch): Why Gravity is NOT a Force – YouTube

Es ist also gar nicht so einfach mit den Tatsachen und den Meinungen. Nur weil wir es glauben und es uns (in der Schule) erzählt wurde, ist es noch lange keine Tatsache.

In einer Philosophie-Vorlesung machte der Professor eine Bemerkung, die mich zu der Bemerkung provozierte, dass die Schwerkraft eine von Newton erfundene Illusion sei.

Die Antwort des Professors war, dass ich als nächstes wohl behaupten würde, dass die Erde flach sei. Da ich sah, dass mein Ruf jetzt wahrscheinlich ruiniert ist, schob ich noch die Bemerkung «In erster Näherung, ja» nach.

Wer heute öffentlich etwas behauptet, was schon seit über 100 Jahren Stand der Wissenschaft ist, verbreitet Fake-News, leugnet Tatsachen und gefährdet die Debattenkultur?

Is nich wahr

In einem Interview in der ZEIT stellt der Journalist folgende Frage:

«Können wir es schaffen, als Gesellschaft zu einem Punkt zurückzukehren, an dem es nur noch eine Wahrheit gibt und nicht so viele, wie wir sie derzeit erleben?»

Das Bild einer idealen Gesellschaft der ZEIT ist also eine Gesellschaft, in der es nur eine Wahrheit gibt. Mir wird angst und bange. Da es jedoch nicht selbstevident ist, was jetzt gerade die Wahrheit ist, muss jemand entscheiden, was die Wahrheit ist. Wer soll das sein? Die Faktenchecker, das Ministerium für Wahrheit oder die ZEIT? Wenn jemand die Wahrheit verkündet, gibt es nichts mehr zu diskutieren. In einer Diktatur ist es klar, wer entscheidet, was die Wahrheit ist.

Was will der Journalist uns sagen? Zurzeit gibt es viele Wahrheiten und er möchte aber nur eine Wahrheit oder meint er nur, dass viele behaupten, ihre Aussagen seien wahr und die unterschiedlichen Wahrheiten widersprechen sich?

Mein Problem fängt damit an, dass mir gar nicht klar ist, was Wahrheit ist. Die (analytischen) Philosophen haben gleich mehrere konkurrierende Wahrheitstheorien.

Das nächste Problem besteht darin, wie ich erkenne, dass etwas wahr ist. Im ersten Moment meint man, dass das doch trivial ist. Es ist etwas wahr, wenn es der Fall ist.

Es ist wahr, dass es jetzt regnet, wenn es jetzt regnet. Wie stellt man fest, dass es regnet? Für einen sind es nur ein paar Tropfen, die gefallen sind. Für jemand anders hat es geregnet (wenn auch nur wenig). Wir verwenden in unserer Sprache häufig vage Ausdrücke, wenn wir sonst gar keine Aussagen machen könnten, z.B. «Das Auto ist schnell gefahren.» Ist die Aussage wahr?

Für den einen ja, für den anderen nein. Aber Wahrheit ist absolut. Sie kann nicht von der Person abhängen.

Nach J. Habermas erkenne ich die Wahrheit in einem idealen Diskurs. Ein idealer Diskurs liegt vor, wenn der ‘zwanglose Zwang des besseren Arguments’ herrsche. Woran erkenne ich das bessere Argument? Daran, dass es wahr ist. (?) Das hilft mir auch nicht weiter.

In der katholischen Kirche gibt es das Dogma, dass der Papst, wenn er ‘ex cathedra’ spricht, unfehlbar ist, also die Wahrheit sagt. Alle Päpste waren bisher so schlau, sich nicht darauf zu berufen.

Das schöne an der Physik und an den Naturwissenschaften im allgemeinen ist, dass es dort nicht um Wahrheit geht.

Zweck heiligt die Mittel?

Das Wort «Sprachregelung» wurde während der NS-Zeit erfunden (vielleicht von Goebbels?) und die Sprachregelung wurde auch praktiziert. Sie diente zum einem dazu, zu erkennen, ob man einen Freund oder Feind vor sich hatte. Zum anderen hatte Goebbels erkannt, dass man damit das Denken beeinflussen konnte.

Die Sprachregelung verschwand auch nach der NS-Zeit nicht. Wer in den 70er Jahren BRD sagte, konnte kaum Lehrer werden. Wenn jemand Atomkraft statt Kernkraft sagte, wusste man, was er darüber dachte.

Heute führen viele Universitäten Sprachregelungen ein und es wird diskutiert, ob man schlechter benotet wird, wenn man sich nicht daranhält. Gemeint ist «Gendern». Auch hier soll mit einer Sprachregelung das Denken beeinflusst werden. Natürlich in eine ganze andere Richtung als bei Goebbels.

Rechtfertigen die Ziele den Einsatz von Methoden, die auf die NS-Zeit zurückgehen?

Falls man Zweifel hat, gibt es Alternativen. Man könnte versuchen, das Denken durch gute Argumente zu beeinflussen. Aber es ist mühsamer und vielleicht weniger erfolgreich.

Wie schön war es, als es noch Kinderarbeit gab…

Ich kenne noch die Landwirtschaft, wie sie früher einmal war (60er Jahre). Wenn ich heute Forderungen höre, die industrielle Landwirtschaft abzuschaffen, kommt mir folgendes in den Sinn:

Wie schön war es doch in der guten alten Zeit,

-als der Bauer im Märzen die Rösslein anspannte,

-als es noch keine lärmenden Maschinen gab, weil sich die für die kleinen Flächen nicht lohnten

-als noch alles mit der Hand gemacht wurde und niemand mit 88 Jahren an Corona starb, weil niemand so alt wurde

-als die Kinder im Herbst nicht zur Schule gingen, wenn die Kartoffeln gesucht wurden und niemand über Kinderarbeit schimpfte

-als die Kinder noch Schwielen an den Händen hatten

-als noch neben jeder Haustür ein Misthaufen war und Mücken und Fliegen nur einen kurzen Flug bis in die Küche hatten

als es auf dem Land noch überall dreckig war und die Insekten sich grossartig vermehrten.