Archiv für den Monat: Januar 2019

(Über)kapazität

In unserer Zeitung erschien ein Interview mit dem GRÜNEN-Politik Anton Hofreiter.

Er wurde gefragt, ob es ein Problem mit der Versorgungssicherheit gäbe, wenn man Braunkohlekraftwerke abstelle. Er antwortete, dass das nicht der Fall sei, weil Deutschland Überkapazitäten habe. Gleichzeitig feierte er das Abschalten dieser Überkapazitäten als Erfolg für den Klimaschutz.

Was sind Überkapazitäten? Das sind in diesem Fall Kraftwerke, die nicht laufen, weil man sie nicht braucht.

Ich besitze drei Fahrräder. Da ich aber immer nur ein Fahrrad benutzen kann, sind die anderen beiden Fahrräder Überkapazitäten. Wenn ich Rad fahre, erzeuge ich Feinstaub durch den Abrieb der Reifen und der Bremsen. Um etwas gegen die Feinstaubbelastung zu tun, beschließe ich also meine Überkapazitäten zu verschrotten. Wieso dadurch die Feinstaubbelastung abnehmen soll, erschließt sich dem Leser nicht. Fragen Sie Herrn Hofreiter. Ich weiß es auch nicht.

Diesmal sind wir es nicht

Wenn man sich jede Stunde anschaut, wie groß der Stromverbrauch ist, wie viel Strom gerade die Erneuerbaren produzieren und wie viel von den konventionellen Kraftwerken geliefert wurde, dann stellt man fest, dass die konventionellen Kraftwerke in der Spitze ein Leistung von 67’000 MW brachten. Auch wenn Wind- und Solarstrom ausgebaut werden, ändert sich dieser Wert kaum. Denn auch 10mal soviel Solarpanels produzieren bei Dunkelheit immer noch die gleiche Menge Strom. Das gleiche gilt für Windturbinen bei Windstille.

Wenn die gesamte elektrische Energie (60% der Stromproduktion) auf 67’000 MW verteilt wird, so erhält man ca. 4500 Volllaststunden. D. h. die konventionellen Kraftwerke produzieren so viel Strom als wenn sie 4500 Stunden bei Volllast laufen. Damit lassen sich Kraftwerke wirtschaftlich betreiben.

In der Zukunft sollen die Erneuerbaren aber 65% der Stromproduktion liefern. Dazu reduzieren sich die Volllaststunden der konventionellen Anlagen auf ca.  2600. Damit werden viele Anlagen nicht wirtschaftlich zu betreiben sein.

Die einzigen konventioneller Kraftwerke, die noch erwünscht sind, sind gasfeuerte Anlagen. Zurzeit sind etwa 30’000 MW an gasgefeuerten Anlagen am Markt. Es müssen also noch etwa 40’000 MW installiert werden. Ein Block hat heute eine maximale Größe von 600 MW. Es müssen also noch 67 Blöcke installiert werden in den nächsten 20 Jahren. Das bedeutet alle 3.5 Monate geht ein neues Gaskraftwerk ans Netz.

Naja, machbar ist das schon, aber nicht in allen Ländern dieser Erde gleichzeitig.

Der Klimawandel wird damit wohl nicht aufgehalten werden, aber darum geht es wohl auch nicht. Diesmal darf Deutschland nur nicht schuld sein.

Only an engineering problem…

Im Spiegel findet sich ein enthusiastischer Artikel zum Kohleausstieg. Er enthält den schönen Satz: «Jetzt geht es darum, ein System zu erschaffen, das eine stabile Versorgung mit Elektrizität garantiert. Das ist die Aufgabe von Ingenieuren und IT-Experten, und diese Aufgabe ist lösbar.“

Das ist ein typischer Satz von Leuten, die von Ingenieurstätigkeit nicht die geringste Ahnung haben. Er ist auch unter Managern verbreitet. Das Management macht irgendwelche Zusagen, die mit den Ingenieuren nicht abgesprochen sind und wenn die Ingenieure bezweifeln, dass man die Zusagen einhalten kann, heißt es, dass die Aufgabe lösbar ist und man endlich an die Arbeit gehe solle. Wenn der Manager böse ist, folgt noch ein „vielleicht aber nicht von Ihnen“.

Außer Spesen und Thomas Münzer

Die sogenannte Kohlekommission hat ihren Bericht auf 336 Seiten vorgelegt. Davon widmen sich aber nur wenige Seiten der künftigen Stromversorgung und nur eineinhalb Seiten der Versorgungssicherheit.

Der größte Teil besteht aus Ideen wie man eine Industriebrache verhindert, z. B. durch ein Museum «Thomas Münzer und der Bauernkrieg».

Es wird nur beschrieben wie viel GW Stromerzeuger aus Braunkohle und Steinkohle wann vom Markt gehen sollen. Nur in einem Satz wird davon gesprochen, dass die Kohleverbrennung durch Gasverbrennung ersetzt werden soll. Immerhin wird das Problem angesprochen, dass es keine neuen Gaskraftwerke gäben könnte, wenn die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Dann sollte es einen «systematischen Investitionsrahmen” geben. Was man sich darunter vorstellen soll, wird nicht weiter ausgeführt.

Wie das Ganze umgesetzt werden soll, bleibt im Dunklen. Die „Zeit“ schreibt, dass die Regierung bis April Vorschläge zur Umsetzung vorlegen soll. Wenn wir in England wären, könnte man jetzt Wetten abschließen, was sich mehr verzögert: der Berliner Flughafen oder der Kohleausstieg.

Limiten

Ich fahre nicht gerne auf der Autobahn, weil sie von Adolf Hitler gebaut wurde. 😊

Nein, weil ich nicht gerne schnell fahre. Es bleiben einem häufig nur die Möglichkeiten sich zwischen die LKWs einzureihen, was nicht ungefährlich ist, oder von schneller Fahrenden, die einem in den Kofferraum kriechen wollen, verscheucht zu werden. Ich kann daher alle Argumente für ein Tempolimit nur unterstützen. Wenn man die Kommentarspalten der großen Zeitungen anschaut, hat man das Gefühl, dass die große Mehrheit das ebenfalls so sieht. Daher erstaunt es, warum sich der Bundesverkehrsminister (BVM) so sträubt.

Es gibt jedoch eine repräsentative Umfrage, die besagt, dass 52% der Bundesbürger für ein generelles Tempolimit sind, 48% dagegen.

Es wurde nicht gleichzeitig die Parteipräferenz abgefragt, aber es ist sicher nicht abwegig anzunehmen, dass bei den CSU-Wählern eher eine Mehrheit gegen ein Tempolimit ist. Der BVM vertritt also die Meinung der Mehrheit seiner Wähler, woraus man in einer Demokratie einem Politiker schlecht einen Vorwurf machen kann. Es ist zwar beliebt alle Schuld den Politikern zu geben, aber wenn eine große Mehrheit ein Tempolimit möchte, würde sich die großen Parteien vermutlich dafür einsetzen.

Bei kleinen Parteien sieht die Situation vielleicht anders aus. Sie könnten sich überlegen, sich auf die Minderheit zu konzentrieren. Was passiert, wenn es durch eine Zersplitterung der politischen Landschaft keine großen Parteien mehr gibt? Werden dann Wünsche der Mehrheit nicht mehr umgesetzt?

Expert(is)en

In der Frankfurter Rundschau wird zur Stromversorgung immer gerne die «Energieexpertin» Prof. Claudia Kemfert interviewt. Ich kenne kaum eine Person in dem Expertenkreis, der so wenig von der Stromversorgung versteht wie Frau Kemfert.

Sie fordert eine Emissionsobergrenze für CO2, damit die Energieversorger bevorzugt neue effiziente Kohlekraftwerke laufen lassen und nicht die alten mit schlechtem Wirkungsgrad. Frau Kemfert unterstellt also den Energieversorgern, dass sie so blöd sind, dass sie nicht merken, dass man mit neuen Kraftwerken den Strom billiger erzeugen können als mit alten. Da fragt man sich doch, warum viele alte Kohlekraftwerke abgeschaltet wurden und Milliarden Euro in den Bau von effizienteren Kraftwerken investiert worden sind.

Als nächstes behauptet sie, dass erneuerbare Energien sich gegenseitig ergänzen und damit keine Gefahr von Blackouts besteht. Da die Sonne ja bekanntlich nachts nicht scheint, gibt es also nachts keine Windstille. Der andere Experte A. Hofreiter hatte kürzlich behauptet, dass das sogar wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Ich würde beiden Experten nicht empfehlen früher aufzustehen, sondern mal lieber später ins Bett zu gehen und stattdessen im Sommer einen Nachtspaziergang zu machen. Vielleicht geht ihnen dann im Dunkeln ein Licht auf.

Ökonomisches Nullsummenspiel?

Wir sind alle durch unsere Ausbildung und berufliche Tätigkeit in unserem Denken geprägt. Man nennt das auch «deformation professionelle». Ich bin einmal durch einen Kollegen darauf hingewiesen worden, dass ich Zusammenhänge überprüfe, in dem ich das Verhalten unter Extrembedingungen betrachte.

Das ist typisch für Physiker. Ich lese gerade ein Buch über Kosmologie, in dem der Autor behauptet, dass die allgemeine Relativitätstheorie nicht das Ende vom Lied sein kann, weil es beim «Urknall» zu einer Singularität führt, d.h. es wird etwas unendlich groß, was nicht sein kann.

Manche Menschen glauben, dass es Reiche gibt, weil es Arme gibt und zitieren zum Beweis Bertold Brecht. Wenn Reichtum entsteht, weil gleichzeitig Armut entsteht, dann bedeutet das, dass die Summe aus dem Reichtum und der Armut immer konstant ist.

Jetzt kommt die deformation professionelle. Das Extrem ist die Jungsteinzeit. Nach obiger Theorie besitzen Arme und Reiche heute zusammen genauso viel wie die Armen und Reichen in der Jungsteinzeit. Offensichtlich ist das absurd. Irgendetwas kann an der Theorie also nicht stimmen.

Haltung annehmen

Ich bin in den letzten Tagen auf einige Artikel gestossen, die sich kritisch mit dem auseinandersetzen, was dort «Haltungsjournalismus» genannt wird. Befürworter sprechen von «wertorientiertem Journalismus».

Charakteristisch ist an solchem Journalismus, dass die alte Trennung von Bericht und Kommentar aufgehoben ist. Man erkennt man Bericht auch sofort wie der Journalist dazu steht. Man trifft dieses hauptsächlich in den großen überregionalen Zeitungen und weniger in der Regionalpresse an.

Dass es keine wertfreie Berichterstattung gibt, ist eine Binsenweisheit, die ich schon in der Schule gelernt habe. Allein durch die Auswahl der Dinge, über die man berichtet, gibt man schon ein Werturteil ab. Es stellt sich aber die Frage, ob man ein Ziel gar nicht anstreben sollte, weil es nicht erreichbar ist. Auch wenn eine objektive Berichterstattung nicht erreichbar ist, sollte man dann nicht trotzdem versuchen, sich ihr zu nähern?

Viele Journalisten sehen sich aber heute nicht als Berichterstatter, sondern als Meinungsbildner. Manche glauben sogar, dass sie die Menschheit vor dem Untergang bewahren müssen. Menschen, die sich gerne selbst eine Meinung bilden wollen, fühlen sich dadurch bevormundet.

Ich glaube jedoch, dass es sich um eine Minderheit handelt. Die Mehrheit der Leser möchten von «ihrer» Zeitung ihre Sicht der Welt bestätigt und nicht in Frage gestellt sehen. Ein schönes Beispiel gab es vor ca. einem Jahr als in der Frankfurter Rundschau ein Artikel zu einer Anti-TTIP-Demonstration erschien. Die «Haltung» der FR und der meisten ihrer Leser ist gegen das TTIP-Abkommen zu sein. Die Journalistin machte sich, Bericht und Kommentar vermischend, über die Unwissenheit der Teilnehmer lustig. Daraufhin erschienen böse Leserbriefe mit dem Tenor, dass man so etwas in «seiner FR» nicht lesen möchte.

Bei dem ganzen wird ein Aspekt nicht erwähnt. Die Welt der Presse hat sich durch das Aufkommen des Internets gewaltig geändert. Die Zeitungen verdienen heute nur noch wenig Geld durch Anzeigen. Diese sind zu Ebay und anderen abgewandert. Die Zeitungen müssen heute «kundenorientierter» sein, um wirtschaftlich zu überleben. Man schreibt zwar nicht einfach simpel, was die Leute lesen wollen, aber man schreibt für ein gewisses Milieu, dem man im günstigen Fall selbst angehört.

Was macht ein Journalist, der sich und seine Sicht der Welt ändert? Er sucht sich eine neue Zeitung?

Zum Schluss ein Lob auf unsere Regionalpresse: Bericht und Kommentar werden getrennt und die politischen Positionen der Kommentatoren reichen von links bis weit rechts.

Vermögen

Wie immer am Anfang des Jahres erscheinen in der Presse Berichte, dass die Vermögensunterschiede auch dieses Jahr wieder gewachsen sind.

Auch unser Vermögen ist letztes Jahr wieder gestiegen. Unsere Ausgaben sind geringer als unser Einkommen. Wir sparen also und vergrößern unser Vermögen. Gleichzeitig wird unser Kleinwagen immer weniger wert und auch die wenigen Aktien, die wir haben, haben an Wert verloren. Diese Beträge sind jedoch alle gering im Vergleich zu dem Vermögenszuwachs, den wir durch den Anstieg der Immobilienpreise erzielen. In den letzten beiden Jahren sind die Immobilienpreise und damit unser Vermögen in Form unseres Hauses um ca. 10% gestiegen. Ist das problematisch?

Unser Vermögensanstieg hat keinen Einfluss auf die ökonomische Situation eines anderen Menschen. Ob der Wert unseres Hauses steigt oder fällt, kann dem Rest der Menschheit vollkommen egal sein.

Wir haben auch keinen Vorteil durch den Wertanstieg des Hauses. Wenn wir es verkaufen, erzielen wir einen höheren Preis, aber wenn wir ein anderes Haus kaufen wollen, müssen wir auch entsprechend mehr zahlen. Man kann die Situation auch als eine Inflation der Sachwerte betrachten und damit wäre dieser Anstieg des Vermögens eine reine Illusion.

Noch extremer ist der Fall, wenn das Vermögen auf Aktien beruht. Ich hatte mal VW-Aktien, deren Wert sich plötzlich vervielfacht haben und dann wieder stark fielen. Wurde da Vermögen geschaffen und wieder zerstört, wie oft zu lesen ist?

Sollte man sich nicht lieber auf die Einkommensunterschiede konzentrieren?

Brexit auf bayrisch?

In München hat eine Initiative einen Bürgerentscheid durchgebracht, dass das bestehende Kohlekraftwerk 2022 abgeschaltet werden soll. Der Bürgerentscheid ist aus formalen Gründen nicht mehr bindend, aber die Kommunalpolitiker fühlen sich gebunden. Das Kohlekraftwerk liefert nicht nur Strom, sondern auch Fernwärme. Daher kamen die Stadtwerke auf die Idee, das Kohlekraftwerk durch ein Gaskraftwerk (Gas- und Dampfkraftwerk, GuD) zu ersetzen. Von den Politikern der Umlandgemeinde wurde dieser Vorschlag jetzt einstimmig abgelehnt. Es ist unklar, wie es jetzt weitergehen soll. Einige schlagen vor, mehrere kleine Blockheizkraftwerke zu bauen. Die Emissionen solcher kleinen Kraftwerke sind in der Regel aber höher als die von größeren Blöcken. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Bundesnetzagentur das Abschalten des Kohlekraftwerkes nicht erlaubt, weil es systemrelevant ist. Zurzeit erlaubt die Bundesnetzagentur das Abschalten von konventionellen Kraftwerken südlich der Mainlinie nicht. Diese Entscheidung wird aber wohl erst 2021 gefällt werden. Falls die Bundesnetzagentur das Abschalten dann erlaubt, ist es aber für einen ersatzbau zu spät.

Das ganze Verfahren erinnert an den Brexit. Wenn es in Deutschland die Möglichkeit von Volksentscheiden geben würde, könnte ich mir gut vorstellen, dass man einen Kohleausstieg beschließt und das Ganze endet dann wie der Brexit.